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Der wandelbare Herr Niemöller

(DER GROSSE WENDIG, BAND 1, NR. 119)

Martin NIEMÖLLER, geboren am 14. Januar 1892 in Lippstadt, gestorben am 6. März 1984 in Wiesbaden, trat 1910 als Seekadett in die kaiserliche Marine ein, war 1914 Leutnant und wurde am 1. Dezember 1915 zur Unterseebootabteilung kommandiert. Gegen Ende des Krieges war er als Oberleutnant zur See Kommandant von UC 67. Im November 1918 beurteilte er die Lage wie viele seiner Zeitgenossen. Er sprach von der »selbstmörderischen Zwietracht« im deutschen Volk,[1] welche geschürt worden sei, das gerade nannte er das »Verbrechen von 1918«. Er stellte sich auch mit seinen Kameraden die Frage, ob nicht ein zweiter Umsturz »die Schande des 9. November wieder abwaschen würde«.[2] Er schrieb,[3] daß ihn von der »Revolution« vom November 1918 mit ihren offenen und versteckten Drahtziehern eine Welt scheide und für alle Zukunft scheiden werde.

Im Januar 1920 begann NIEMÖLLER mit dem Studium der Theologie in Münster. Seit 1931 Pfarrer in Berlin-Dahlem, war er einer der ersten Pfarrer, die HITLERS Fahnen folgten, und wählte ab 1924 NSDAP.[4] Am Tage nach der Machtübernahme (30. Januar 1933) durch HITLER erklärte NIEMÖLLER: »Und indem wir Gott heute danken, daß er unserem Volk die Obrigkeit gegeben und uns durch ihren Dienst die Ordnung und den Frieden erhalten hat, bitten wir ihn zugleich, er möchte unseren Führer und seine Ratgeber, unser Volk und unsere Kirche so leiten und regieren, daß sein Reich komme und unter uns Gestalt gewinne.«

Schon 1933 ging NIEMÖLLER als Gründer des Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche in Opposition zum Nationalsozialismus, hatte am 25. Januar 1934 eine Audienz bei HITLER und wurde ein führender Kopf der Bekennenden Kirche.

Bekanntlich ist das Deutsche Reich im Herbst 1933 aus dem Völkerbund ausgetreten. Dieser Austritt hat zahlreiche Deutsche für Adolf HITLER und seine Regierung eingenommen. Auch NIEMÖLLER unterzeichnete ein Huldigungstelegramm an HITLER am 15. Oktober 1933. Es heißt dort: »In dieser für Volk und Vaterland entscheidenden Stunde grüßen wir unseren Führer. Wir danken für die mannhafte Tat und das klare Wort, die Deutschlands Ehre wahren. Im Namen von mehr als 2500 evangelischen Pfarrern, die der Glaubensbewegung Deutsche Christen nicht angehören, geloben wir treue Gefolgschaft und fürbittendes Gedenken.«

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Martin NIEMÖLLER. Er gründete 1933 den „Pfarrernotbund“, aus dem die „Bekennende Kirche“ hervorging.

Die Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat nahmen zu. NIEMÖLLER wurde 1938 wegen Kanzelmißbrauchs und Verstoßes gegen das Heimtückegesetz zu sieben Monaten Festung verurteilt und kam anschließend in das Konzentrationslager Sachsenhausen, aus dem heraus er sich bei Kriegsbeginn freiwillig zur Wehrmacht meldete.[5] Der Antrag wurde abgelehnt. 1941 kam er als »persönlicher« Gefangener des Führers in das KL Dachau. Nach Kriegsende war er maßgeblich an der Manipulation zum Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche vom 19. 10. 1945 beteiligt, wurde 1947 Kirchenpräsident in Hessen und 1961 einer der sechs Präsidenten des Weltrats der Kirche in Genf.

1946 verfaßte NIEMÖLLER eine Schrift mit dem Titel Der Weg ins Freie. Darin gab er wahrheitswidrig an, daß im Lager Dachau, in dem er sich auch befand, in den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 238.756 Menschen verbrannt oder umgekommen seien. Noch in einer Biographie[6] NIEMÖLLERS aus dem Jahre 1983 wird mit der erfundenen Zahl von 238.756 Toten in Dachau operiert. Tatsache ist jedoch, wie seit langem bekannt ist, daß in der genannten Zeit im Lager Dachau rund 30 000 Menschen aus 38 Nationen verstorben sind. So konnte z. B. vor wenigen Jahren der Privathistoriker Dr. Alfred SCHICKEL[7] in den USA die Totenbücher von Dachau aufspüren, um die sich vorher niemand gekümmert hatte.

30 000 Tote ist eine enorme Zahl für ein Lager und nicht zu entschuldigen, auch wenn die meisten unter den erschwerten Bedingungen der letzten Kriegsjahre (Hunger, Seuchen, Zusammenbruch der Versorgung) zu Tode kamen. In den Konzentrationslagern des sowjetischen NKWD in Mitteldeutschland starben nach Kriegsende im Frieden jedoch jährlich wesentlich mehr, und in den Rheinwiesenlagern wurden im Sommer 1945 Hunderttausende deutscher Gefangener durch Hunger und Mißhandlungen seitens der US-Bewacher zu Tode gebracht.[8] Im Krieg forderte der anglo-amerikanische Bombenterror gegen Zivilisten in einer einzigen Nacht in Hamburg Ende Juli 1943 allein über 40.000 Tote[9] und am 13./15. Februar 1945 in Dresden ein Vielfaches davon.

1967 nahm NIEMÖLLER den LENN-Friedenspreis entgegen. Wenig später wurde er mit dem Großkreuz des Bundesverdienstordens, der höchsten Auszeichnung der BRD, geehrt.[10] Auch noch nach dem Überfall der Sowjetunion auf die Tschechoslowakei 1968 nahm er die LENIN-Medaille in Gold sowie die Goldene Friedensmedaille und den Großen Stern der Völkerfreundschaft des DDR-Regimes[11] an. 1959 hat NIEMÖLLER die Ausbildung der jungen Soldaten in der Bundeswehr als die »hohe Schule für Berufsverbrecher« bezeichnet[12] und die Bundeswehr »eine Armee von Massenmördern« genannt.[13]

Über Martin NIEMÖLLER und die evangelischen Kirchenführer erwähnte Adolf HITLER am Abend des 7. April 1942 bei seinen Tischgesprächen folgende Begebenheit:

»Diese Art Männer habe gar nicht das Format, um die Evangelische Kirche zu einem nicht zu unterschätzenden Gegner der Katholischen Kirche zu machen. Sie seien noch nicht einmal ehrlich. So habe Reichsmarschall GÖRING seinerzeit, als der Kampf um die Absetzung des Reichsbischofs im Gange war, ein Telefonat des Pfarrers NIEMÖLLER mitschreiben lassen, in dem im Hinblick auf eine Besprechung bei HINDENBURG gesagt wurde: >Dem Alten haben wir eine letzte Ölung gegeben. Wir haben ihn so eingeschmiert, daß er den Hurenbock jetzt endgültig raussetzt.< Als NIEMÖLLER bei einer Vorsprache am selben Tage mit heuchlerischen Worten und vielen Bibelzitaten ihn, den Führer, zu einem Eingreifen gegen den Reichsbischof habe bestimmen wollen, habe er den Inhalt dieses Telefonats durch GÖRING verlesen lassen. GÖRING habe dabei dagestanden wie weiland BISMARCK bei der Kaiserproklamation in Versailles, mit breitgestellten Beinen. Die Abgesandten der Evangelischen Kirche seien daraufhin vor Schreck so in sich zusammengerutscht, daß sie fast nicht mehr dagewesen seien. Reichspräsident VON HINDENBURG, dem er anschließend über diesen Vorfall Bericht erstattet habe, habe daraufhin unter diese ganzen Auseinandersetzungen mit der Bemerkung einen Strich gezogen: >Jedes Pfäfflein dünkt sich doch wahrlich ein Papst zu sein.<«[14]


[1] Martin NIEMÖLLER, Vom U-Boot zur Kanzel, Martin Warnick, Berlin 1934, S. 133.

[2] Ebenda, S. 139.

[3] Ebenda, S. 143.

[4] W. BODENSTEIN, Ist nur der Besiegte schuldig?, Mut, Asendorf 1985.

[5] In seinem Brief vom 7. September 1939 schreibt der Kapitänleutnant a. D. Martin NIEMÖLLER an den Chef der Kriegsmarine, Großadmiral RAEDER: »Da ich bislang ver­geblich auf meine Einberufung zum Dienst gewartet habe. . ., melde ich mich nunmehr ausdrücklich als Freiwilliger. . . Ich bin 47 Jahre ah, körperlich und geistig unvermin­dert leistungsfähig und bitte um irgendeine Verwendung im Kriegsdienst.« Angegeben in: Dietmar SCHMIDT, Martin Niemöller. Eine Biographie, Radius, Stuttgart 1983, S. 150).

[6] SCHMIDT, ebenda.

[7] Alfred SCHICKEL, Zeitgeschichte am Scheideweg. Anspruch und Mängel westdeutscher Zeitgeschichte, Johann Wilhelm Naumann, Würzburg 1981, S. 20.

[8] James BACQUES, Der geplante Tod. Deutsche Kriegsgefangene in amerikanischen und französischen Lagern 1945-1946, Ullstein, Berlin 1990.

[9] Hans BRUNSWIG, Feuersturm über Hamburg, Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1979.

[10] Anfang 1992 (Schwäbisches Tagblatt, 13. 1. 1992) hat die Familie NIEMÖLLER die Forde­rung von konservativer evangelischer Seite nach Rückgabe des >Leninpreises< zurückge­wiesen. Das sei ein »unanständiger Umgang mit der Geschichte«, erklärte NIEMÖLLERS Sohn Jan, bis 1991 selbst Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands EKD).

[11] Der Spiegel, 12. 3. 1984, S. 136.

[12] Rede in Kassel am 15. 1. 1959 im Rahmen »Christen gegen den Atomtod«.

[13] In Deutsche Monatshefte für Politik und Kultur, Juni 1959, S. 29, heißt es: »Nach der ostzo­nalen Zeitung Das Volk vom 16. Juni 1958. . . gab NIEMÖLLER an, daß die Bundeswehr eine Armee von Massenmördern sei.«

[14] In: Henry PICKER, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Seewald, Stuttgart 1976, S. 204.

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