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Kaiser Wilhelm II. falsch zitiert

Der Kaiser sprach:

Bewährt die alte preußische Tüchtigkeit, zeigt Euch als Christen im freudigen Ertragen von Leiden, möge Ehre und Ruhm Euren Taten, Fahnen und Waffen folgen, gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel.

Und was hat die britische Lügenpropaganda daraus gemacht?

Das falsche Bild von einem »säbelrasselnden Deutschland« vom Anfang des 20. Jahrhunderts und seinem »kriegslüsternen Kaiser« wird oft durch ein Zitat WILHELMS II. begründet, wonach er den zum Boxeraufstand ausziehenden deutschen Truppen der Ostasienexpedition im Jahre 1900 befohlen habe, bei den kommenden Kämpfen kein Pardon zu geben und keine Gefangenen zu machen.

Das ist jedoch eine Verdrehung der Wirklichkeit. Das gewiß nicht im Ruf des rechten historischen Revisionismus stehende, sondern um Richtigstellung eingebürgerter Geschichtslegenden bestrebte sowie objektiv der geschichtlichen Wahrheit dienende Neue Lexikon der populären Irrtümer[1] schreibt dazu:

Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht“, so soll WILHELM II. im Juli 1900 das deutsche Expeditionskorps angewiesen haben, das den Engländern und Franzosen bei der Bekämpfung des sogenannten „Boxeraufstandes“ in China helfen sollte.

In Wahrheit hatte WILHELM II. in seiner berühmten „Hunnenrede“ folgendes erklärt: „Bewährt die alte preußische Tüchtigkeit, zeigt Euch als Christen im freudigen Ertragen von Leiden, möge Ehre und Ruhm Euren Taten, Fahnen und Waffen folgen, gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel. Ihr wißt wohl, Ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt Ihr an ihn, so wißt, Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht.“ Wir lesen diese Zeilen so, daß WILHELM seine Soldaten vor den Boxern warnen wollte und daß diese, nicht die Deutschen, als Pardon-Verweigerer betrachtet werden müssen.

Das neue Lexikon der populären Irrtümer

Dazu wird in dem Lexikon auch auf entsprechende einschlägige Literatur verwiesen.

Dem ist wohl uneingeschränkt zuzustimmen.

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß das genannte Lexikon auch andere weitverbreitete Geschichtslegenden richtigstellt, so zum Fall Guernica (S. 133 f.), zum Reichstagsbrand (S. 191 f.) oder zum Lebensborn (S. 279 f.), und darauf hinweist, daß Nachbarländer viel mehr Kriege geführt haben als das oft als militaristisch verschrieene Preußen-Deutschland.

Aus dem Leserkreis ging uns ein weiterer Hinweis zu,[2] der ein anderes oft zitiertes Wort WILHELMS II., das von der »schimmernden Wehr«, betrifft.

Dieses wurde und wird von deutschfeindlichen Kreisen oft genannt, um den angeblich »säbelrasselnden« Kaiser als Kriegstreiber und Schuldigen am Ersten Weltkrieg darzustellen, während alle objektiven Beschreibungen ihn als einen den Frieden liebenden Fürsten bezeichnen, der 1913 sein 25jähriges Thronjubiläum ohne jede militärische Verwicklung bis dahin im Frieden feiern konnte. Zum 60. Todestag des Monarchen am 4. Juni 2001 konnten die falschen Vorstellungen in der deutschen Presse wiederauftauchen.

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In dem genannten Brief heißt es nach einem Dank für die erste Richtigstellung unter anderem: »Zu WILHELM II. möchte ich Ihnen deshalb eine weitere Richtigstellung eines Wortes bekannt machen, das ihn wohl kaum weniger in ein schlechtes Licht gesetzt hat als der von Ihnen zitierte Satz (siehe oben, H. W.). Es handelt sich um das böse Wort von der schimmernden Wehr: Dieses Wort hat der Kaiser niemals so gesagt. Bei meiner Korrektur kann ich mich auf meinen Onkel berufen, Generalleutnant Hellmuth REYMANN (1. Weltkrieg Hohenzollernorden, 2. Weltkrieg Ritterkreuz mit Eichenlaub), der dieses Wort, wo immer es zitiert wurde, korrigierte; denn er hat bei dieser Rede WILHELMS als Lichterfelder Kadett in Reihe unmittelbar hinter ihm gestanden. Tatsächlich sagte er (WILHELM II.) statt „schimmernder Wehr“ in seiner Rede „schirmende Wehr“. Ich weiß nicht mehr genau, wer der Urheber der Verleumdung war, die dann von der gesamten Presse begierig aufgegriffen wurde.« Es könne wohl der oft den Kaiser kritisierende Schriftsteller und politische Publizist Maximilian HARDEN[3] oder jemand aus dessen Kreis gewesen sein.

Im Übrigen: Jene andere, ebenfalls WILHELM II. zugeschriebene Äußerung: »Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts« stammt nicht einmal von dem Kaiser, sondern vielmehr von Otto VON BISMARCK. Dieser meinte nämlich in einer Rede vor dem Reichstag am 6. Februar 1988 in bezug auf Rußland: »Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt. Und die Gottesfurcht ist es, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt.«

Eine ähnlich sinnentstellende Verzerrung erfuhr der berühmte Ausspruch des Münchener Dichters Emanuel GEIBEL (1815-1884), der gesagt haben soll: »Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!« In Wirklichkeit sagte er aber: »Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen« – was nicht dasselbe ist.[4]

Kaiser Wilhelm II. —und kein Ende.

Im Herbst 2005 fand im Potsdamer Neuen Palais eine Ausstellung mit Fotographien aus dem Huis Doorn unter dem Titel »Kaiser im Bild. Wilhelm II. und die Photographie als PR-Instrument« statt. Nachfolgend der entsprechende Bericht über die Veranstaltung in der Wochenzeitschrift Der Spiegel, Nr. 32/2005, S. 127, der mehr als bezeichnend ist. »So sehen deutsche Sieger aus: Stolz blickt das blaue Preußenauge in die Ferne, hoheitsvoll schwillt die ordensgeschmückte Brust, und der Schnurrbart —dieses Mannes schönste Zier — zeigt mit strammgezwirbelten Enden gen Himmel, zum Allerhöchsten. Die ganze majestätische Gestalt verkündet dem beeindruckten Volk nur eines: Uns kann keiner. Auf unzähligen Porträts hat sich WILHELM II., Deutschlands letzter Kaiser, für seine Untertanen verewigen lassen, fast immer in Uniform, Dutzende von Hoffotografen waren zur Stelle, wenn seine rastlose Majestät mal wieder geruhten, Bauwerke einzuweihen, Paraden abzunehmen oder die sich regelmäßig einstellenden Hohenzollern-Sprößlinge väterlich auf den Arm zu nehmen. . . : die gekonnte und zuweilen fast avantgardistische Selbstinszenierung dieses gewieften Medien-Monarchen.«

Wilhelm II. | Die Kaiserzeit | Kurzbiographie
Kaiser Wilhelm II. (* 27. Januar 1859 in Berlin; † 4. Juni 1941 in Doorn, Niederlande)

(DER GROSSE WENDIG, BAND 1, NR. 17)


[1] Walter KRÄMER und Götz TRENKLER, Das neue Lexikon der populären Irrtümer. 555 weitere Vorurteile, Mißverständnisse und Denkfehler, Eichborn, Frankfurt/M. 1998, S. 261.

[2] Brief von Prof. Dr. Markwart MICHLER, Bad Brückenau, an den Verfasser vom 5. 3. 2000.

[3] Eigentlich M. Felix Ernst WITKOWSKI (1861-1927), Begründer 1892 der politischen Wochenschrift Die Zukunft, schrieb unter dem Pseudonym APOSTATA Aufsätze zur aktuellen Politik, war Mitbegründer der Freien Bühne 1889.

[4] Emanuel GEIBEL, im Gedicht: »Deutschlands Beruf«, 1861.

aus: Der Große Wendig 4, Nr. 99

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