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Söhne

Legende um Hitler

In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts behauptete der fran­zösische Eisenbahnarbeiter Jean-Marie LORET, der Sohn Adolf HITLERS zu sein. HITLER sei seit 1916 mit der jungen Französin Charlotte LOBJOIE, der Mutter LORETS, liiert gewesen. Sie sei von ihm im Juli 1917 schwanger geworden und habe 1918 einen Sohn, Jean-Marie, geboren. So habe sie es ihm kurz vor ihrem Tod erzählt. Diese Darstellung war keineswegs von vornherein ad acta zu legen. Tatsächlich war HITLER wäh­rend des Ersten Weltkrieges als Gefreiter im südlichen Flandern und in Nordfrankreich im Kriegseinsatz und war auch in den von LORET be­schriebenen Orten gewesen. Die Geschichte erschien obendrein glaub­würdig zu sein, da die Blutgruppen (A Rhesusfaktor positiv)[1] miteinan­der übereinstimmten und eine verblüffende optische Ähnlichkeit zwischen Jean-Marie LORET und Adolf HITLER bestand.

Es bestand eine verblüffende optische Ähnlichkeit, aus: Jean-Paul MULDERS, Auf der Suche nach Hitlers Sohn. Eine Beweisaufnahme, Herbig, München 2009.

Es ist der peniblen Forschungsarbeit des flämischen Journalisten Jean-Paul MULDERS zu verdanken, die umstrittene These von HITLERS Vaterschaft in Frankreich endgültig beantwortet zu haben. MULDERS gelang diese Beantwortung mit Hilfe einer wissenschaftlichen Analyse der Desoxyribonukleinsäure (DNS), der Trägerin der genetischen Erbinformation. Das zu lösende Ausgangsproblem war zunächst der Umstand gewesen, daß von Adolf HITLER selbst kein DNS-Profil existiert. Folglich galt es, die DNS eventuell noch lebender Verwandten HITLERS zu bestimmen. Tatsächlich leben Blutsverwandte von HITLER in New York — es handelt sich um die drei Enkelsöhne von HITLERS Halbbruder Alois — und entfernte Verwandte in Niederösterreich.

Um DNS-Proben einzuholen, recherchierte MULDERS in Kleinarbeit und konnte tatsächlich eine entsprechende Probe zunächst von einem der drei Großneffen HITLERS sicherstellen und untersuchen lassen. Worauf es bei der DNS ankam, war, das Y-Chromosom zu entschlüsseln, da dieses als einziges unverändert vom Vater auf den Sohn weitervererbt wird. Folglich kann man mit dem Y-Chromosom »die Verwandtschaft in männlicher Linie nachweisen, ungeachtet dessen, ob der gemeinschaftliche Vorfahre vor hundert oder vor tausend Jahren gelebt hat«.[2] Eine solche Übereinstimmung kann also niemals zufällig sein. Die Untersuchung ergab, daß dieser Nachweis in der DNS-Probe des Großneffen HITLERS tatsächlich erbracht werden konnte, also eine genetische Verwandtschaft zwischen ihm und Adolf HITLER wissenschaftlich bewiesen wurde.

Weitere Verwandte Hitlers leben im niederösterreichischen Waldviertel nahe der böhmischen Grenze. Auch hier gelang es, von einer männlichen Person eine DNS-Probe zu beschaffen. Obgleich die Verwandtschaft des Probanden viele Generationen zurückliegt, fand Ralf VERMEULEN, der von MULDERS beauftragte Biotechnologe, in besagtem Muster die männliche Abstammungslinie. Das Ergebnis war überzeugend: Da die Y-Chromosomen des Großneffen HITLERS in den USA und des männlichen Verwandten HITLFRS in Niederösterreich miteinander übereinstimmten, ist die Wahrscheinlichkeit, daß das Y-Chromosom wirklich demjenigen HITLERS entspricht, überwältigend groß.

Auch von LORET stand MULDERS DNS-Material zur Verfügung, welches er mit den vorliegenden Untersuchungsergebnissen verglich. Das Ergebnis war eindeutig: Das Y-Chromosom des Jean-Marie LORET unterschied sich deutlich von denen der amerikanischen und österreichischen Probanden. Damit kann eine Verwandtschaft zwischen LORET und HITLER mit hundertprozentiger Sicherheit ausgeschlossen werden.[3]

Unity Valkyrie Mitford

Damit sind jedoch nicht alle Gerüchte über eine vermeintliche Vaterschaft HITLFRS aus der Welt geschafft worden. Auch 65 Jahre nach dem Tod HITLERS reißen die Spekulationen um einen von ihm gezeugten >Sohn< nicht ab. Behauptungen wie die folgende, die Ende 2007 in der englischen Presse verbreitet und sowohl von der bundesdeutschen als auch österreichischen Journaille kritiklos übernommen wurde, sind nicht selten: Im britischen politischen Wochenmagazin New Statesman wurde im Dezember 2007 die Behauptung aufgestellt, die englische HITLER-Bewunderin Unity MITFORD habe 1940 in Großbritannien ein Kind von HITLER zur Welt gebracht.[4]

Oben: Adolf HITLER und Unity Valkyrie MITFORD. Unten: Unity Valkyrie MITFORD (links im Bild) mit ihrer Schwester Diana, der späteren Frau Oswald MOSLEYS, 1937 beim Nürnberger Parteitag im Kreis von SS-Leuten.

Die junge Britin sei 1934 nach München gekommen, um Adolf HITLER persönlich kennenzulernen. Unity MITFORD habe zu diesem Zweck das Lieblingslokal HITLERS, die >Osteria<, besucht und HITLER so lange »angestarrt«, bis er sie endlich an seinen Tisch bat, was nicht weiters verwundere: Die blonde, blauäugige und 1,80m große Frau sei geradezu ein »Nazi-Idealbild« (Die Presse, Wien) gewesen. Schon bald sei sie »ständiger Ehrengast bei Parteiveranstaltungen« gewesen und habe »HITLER stets auf Reisen« begleitet (tageszeitung, Berlin).[5] Dem Gerücht zufolge habe Unity zweifellos mit HITLER geschlechtlich verkehrt und das mit beträchtlichen Folgen: 1940 soll in einer privaten Entbindungsklinik in Wigginton, im Norden der Grafschaft Oxfordshire gelegen, das gemeinsame Kind zur Welt gekommen sein. Demnach soll die britische »Nazi-Freundin« (tageszeitung, Berlin) einen Sohn bekommen haben, der zur Adoption freigegeben worden sei und bis heute »irgendwo« in Großbritannien »herumlaufen« (tageszeitung, Berlin) soll.

Was ist an der Behauptung von Adolf HITLERS angeblichem Sohn in Britannien wirklich dran?

Unity Valkyrie MITFORD war eine Tochter des Oberhauslords Baron REDESDALE. Er wie die meisten seiner sechs Töchter waren Anhänger des britischen Kulturphilosophen Houston Stewart CHAMBERLAIN und später Unterstützer des britischen Faschismus unter der Führung von Oswald MOSLEY, der im übrigen 1936 Unitys Schwester Diana in Deutschland geheiratet hatte. Die Adelstochter selbst kam 1934 mit 20 Jahren nach Deutschland, um in München Kunstgeschichte zu studieren. Tatsächlich versuchte die Verehrerin Adolf HITLERS ihr Idol persönlich kennenzulernen. Dieser Wunsch erfüllte sich für die »anmutige englische Studentin« im Frühjahr 1935 in München in der >Osteria<. Das erste Gespräch soll der Biographin von Eva Braun, Nerin E. GUN, zufolge stockend verlaufen sein, »denn HITLERS Kenntnisse der englischen Sprache waren damals noch nicht vollkommen genug, und das Mädchen wußte sich deutsch kaum verständlich zu machen«.[6] Dem widerspricht Unity MITFORD. Ihren eigenen Angaben zufolge war das etwa 30minütige Gespräch keineswegs flach, sondern sogar sehr anregend gewesen. Adolf HITLER und Unity MITFORD, so schrieb sie selbst, hätten sich über Architektur, Richard WAGNER, London und den vergangenen Weltkrieg unterhalten. Hinsichtlich letzterem habe HITLER ihr gesagt, »daß man es den internationalen Juden nie mehr erlauben dürfe, zwei nordische Rassen zum Krieg gegeneinander anzustacheln«, woraufhin Unity geantwortet habe: »Nein, das nächste Mal müssen wir zusammen kämpfen.«[7] Sicher ist, daß Unity nach kurzer Zeit fließend Deutsch mit leichtem bayerischen Akzent sprechen konnte.

Folgt man Nerin E. GUN in ihren Ausführungen, darf außer Frage stehen, daß Adolf HITLER von Unity MITFORD tatsächlich angetan war: »HITLER hatte von der ersten Minute an Feuer gefangen; er war hingerissen von ihrem Auftreten, ihrer blendenden Erscheinung, ihrem goldblonden Haar und der samtenen Zartheit ihrer Haut.«[8] Die große Sympathie stieß auf Gegenseitigkeit, wie Lady Unity in Briefen zum Ausdruck brachte und es auch ihrem Tagebuch anvertraute: »Ich glaube, ich bin das glücklichste Mädchen der Welt.«[9] Aber ist aus diesem dokumentierten Glücksgefühl bereits eine intime Affäre abzuleiten? Als sicher gilt lediglich, daß Unity später nicht mehr aus dem Gefolge des Führers wegzudenken war. Sie begleitete ihn — mit einigen anderen Dutzend Personen — überall hin: nach Berlin, Bayreuth, München, Berchtesgaden und auf die Reichsparteitage in Nürnberg. Möglicherweise betrachtete sich Unity als ernst zu nehmende Rivalin von Eva BRAUN, die in ihrem Tagebuch kummervoll über die attraktive Britin geschrieben haben soll.

Ob Unity MNFORD und Adolf HITLER geschlechtlich miteinander verkehrt haben, könnte wegen ihres innigen Verhältnisses[10] zwar nach heutigen sittlichen Vorstellungen vielleicht angenommen werden, ist aber mit keiner Quelle belegt. Nach vorliegender Quellenlage verhielt sich HITLER der jungen Frau gegenüber taktvoll und großzügig. Menschen, die Unity MITFORD wirklich kannten, halten eine sexuelle Beziehung zwischen ihr und Adolf HITLER für abwegig. Oswald MOSLEY beispielsweise, der Schwager Unitys, hielt ein sexuelles Verhältnis zwischen beiden für undenkbar. Am 18. Juni 1975 schrieb er an HITLERS Fahrer Erich KEMPKA: »Es gab nie die Frage einer Liebesaffaire zwischen HITLER und Lady MITFORD. … Sie war von seiner Persönlichkeit, seinem Großmut und seiner ganzen Umgebung sehr beeindruckt. Sie war oft in seiner Begleitung und Gesellschaft, und sie interessierte und amüsierte ihn wirklich Sie war sehr offen, und er erlaubte ihr, alles zu sagen. … Nach allen Eindrücken, die ich hatte, können HITLERS Beziehungen zu Frauen am besten als ritterlich bezeichnet werden. Er war extrem höflich und in jeder Weise korrekt«.[11]

Unity MITFORD. Sie starb 1948 im Alter von 34 Jahren — anscheinend an Spätfolgen ihres Selbstmordversuchs.

Mitte April 1940 kehrte Lady MITFORD, die am 3. September 1939, anläßlich der englischen Kriegserklärung an Deutschland, in München einen Selbstmordversuch unternommen hatte, nach Britannien zurück. Ob sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt schwanger war, geschweige denn von HITLER, ist nicht erwiesen. Aufzeichnungen oder gar Fotographien von ihr, die auf eine Schwangerschaft schließen lassen würden, existieren nach gegenwärtigem Forschungsstand nicht. Auch konnte bis heute eine Entbindung nicht nachgewiesen werden. In den in Frage kommenden britischen Geburtsregistern des Jahres 1940 wird Unity MITFORD als Mutter nicht aufgeführt. Die einzige Zeugin, die zu dem Fall sachdienliche Hinweise geben könnte, ist Unitys Schwester Deborah, die Herzogin VON DEVONSHIRE. Sie war Unitys ständige Begleiterin, nachdem Unity nach Großbritannien zurückgekehrt war. Die Herzogin kommentierte das Gerücht über ein Kind ihrer Schwester mit HITLER als »fancyful«,[12] also abstrus.

HITLERS Sexualleben war vollkommen normal.[13] Daß er aber mit einer der Frauen, mit denen er in seinem Leben sexuell verkehrt haben soll, auch Nachkommen gezeugt hat, ist hingegen nicht belegt. Nach dem heutigen Stand der Forschung ist davon auszugehen, daß es niemals von HITLER gezeugte Kinder gegeben hat.

Claus Nordbruch           


[1] Vgl. »Liebe in Flandern«, in: Der Spiegel, 7. 11. 1977.

[2] Jean-Paul MULDERS, Auf derSuche nach Hitlers Sohn, München 2009, S. 27.

[3] »Hitler had geen joods bloed en geen Franse zoon«, in: Het Laatste Nieuws, 24. 4. 2008.

[4] Vgl. Martin BRIGHT, »Unity Mitford and >Hitler’s baby«<, in: New Statesman, 13. 12. 2007.

[5] Ralf SOTSCHECK, »Das Kind Hitlers«, zitiert nach: http://www.taz.de/1/1e¬ben/medien/artike1/1/das-kind-des-diktators/?src=SZ&cHash=9af1991374

[6] Nerin E. GUN, Eva Braun-Hitler, Kiel 1994, S. 145.

[7] Zitiert nach: Johannes FRANK, Eva Braun, Preußisch Oldendorf 1988, S. 179.

[8] GUN, aaO. (Anm. 6), S. 145.

[9] Zitiert nach: FRANK, aaO. (Anm. 7), S. 180.

[10] Vgl. GUN, aaO. (Anm. 6), S. 146 u. 150 ff.

[11] Zitiert nach: FRANK, aaO. (Anm. 7), S. 188.

[12] BRIGHT, aaO. (Anm. 4).

[13] Vgl. Werner MASER, Adolf Hitler. Legende, Mythos, Wirklichkeit, Bechtle, München—Esslingen, 4 1972, S. 319 f., sowie August KUBIZEK, Adolf Hitler, mein Jugendfreund, Stocker, Graz/Stuttgart 4 1975, S. 230 ff.

aus: Der Große Wendig 4, Nr. 757

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