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Deutschland Geschichte Wendig

Bereit wofür?

War die Wehrmacht am 1. September 1939 kriegsbereit?

Immer von neuem — und das seit 70 Jahren — hören wir, HITLER habe nicht nur mutwillig den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen, sondern darüber hinaus Welteroberungsplänen nachgehangen. An dieser unumstößlichen These heutiger Zeitgeschichtsforschung ist so gut wie kein Zweifel erlaubt. Wenn auch schriftliche Beweise darüber nicht vorliegen, so hätten doch die Aggressivität seines politischen Vorgehens und das Maß seiner militärischen Aufrüstung, mit denen er ein Land nach dem anderen unter die Knute gezwungen und sich selbst zum Hegemon Europas aufgeschwungen habe, seine Absichten zur Genüge bewiesen.

Die Rüstungsausgaben des Dritten Reiches je Jahr, hieß es, seien seit der Wiederbewaffnung (also seit 1935) bis ins Unermeßliche gestiegen, CHURCHILL sprach von über einer Milliarde brit. Pfund, die beim damaligen Stand des Pfundes die riesige Summe von 20 Milliarden Reichsmark ausmachten, dem Zehnfachen des damaligen. Reichshaushaltes. Zwar verringerte er vor dem Unterhaus diese Summe später auf 800 000 000 Pfund, was immer noch die ungeheuere Summe von 3,2 Milliarden Reichsmark ausmachte.[1] Ausländische Quellen übertrafen einander jahrzehntelang in Schauermeldungen über die Höhe der deutschen Aufrüstung, und die deutsche Nachkriegspresse weiß bis heute nichts Besseres zu tun, als ihnen gehorsam beizupflichten. Doch die Wirklichkeit ist anders.

Entspricht die zeitgeschichtliche Darstellung den Tatsachen?

Das von der heutigen Zeitgeschichtsforschung dargebotene Bild Vorkriegsdeutschlands, das zu großen Teilen noch immer auf der alliierten Vor- und Nachkriegs-Propaganda oder der damit verbundenen Umerziehung beruht, gibt die damalige Wirklichkeit in Deutschland nicht korrekt wieder. Das ist deshalb leicht nachweisbar, weil uns inzwischen genügend verläßliche Quellen zur Verfügung stehen. Selbst das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr (MGFA), das aufgrund erziehungspolitischer Vorgaben eher zögerlich bereit ist, historische Begebenheiten genau so darzustellen, wie sie sich zugetragen haben, stellte dazu fest: Am 1. September 1939 konnte im Deutschen Reich »von einer wohleingerichteten Kriegsproduktion nicht die Rede sein«.[2] Mit anderen Worten, das Reich war bei Kriegsbeginn mit einer Lage befaßt, auf die es weder rüstungsseitig noch mobilmachungsmäßig vorbereitet war. Deshalb habe die Heeresleitung diese Situation zu nutzen versucht, um HITLER vor Augen zu führen, »daß der Rüstungsstand der Wehrmacht in absehbarer Zeit keine größeren Kraftanstrengungen zulasse«[3] Eine Feststellung, die geeignet ist, ein ungewohnt positives Licht auf die damalige Wehrmachtführung zu werfen, und die so gar nicht dem entspricht, was ihr gemeinhin heute vorgeworfen wird.

Anläßlich HITLERS 50. Geburtstags am 20. April 1939 fand in Berlin eine für alle Welt beeindruckende Militärparade statt. Hier wird die schwere Artillerie abgenommen. Der Schein trog. In Wirklichkeit war die deutsche Wehrmacht weder rüstungs- noch mobilmachungsmäßig auf einen Krieg vorbereitet. »Die zivilmilitärische Kriegführungsbereitschaft des Dritten Reiches bestand im wesentlichen aus Tarnung, Täuschung und Bluff.«

Und an anderer Stelle dieser sehr aufschlußreichen Studie des MGFA heißt es: »Das ermutigte nicht dazu, große Materialschlachten ins Auge zu fassen.« Gemeint ist damit die Personal-, Material-, Munitions-, Ersatzteil- und Rohstofflage des Reiches, die in der Tat in einem Zustand war, der keine großen Sprünge erlaubte.[4]

Trotz unzulänglicher Mobilisierungsvorbereitungen besaß das deutsche Reich im Vergleich mit den Westmächten bei Kriegsbeginn zunächst einen Mobilisierungsvorsprung. Doch büßte es diesen bereits nach wenigen Kriegsmonaten ebenso ein wie den bis dahin eingehaltenen geringen Rüstungsvorsprung der Wehrmacht,[5] von dem die lizensierte Zeitgeschichte noch heute behauptet, er sei gewaltig gewesen.

Die rüstungspolitische Gesamtlage verbot es, an Krieg zu denken

Man erinnert sich vielleicht an jenen vom Chefdolmetscher im Auswärtigen Amt (AA), Paul Otto SCHMIDT, überlieferten Bericht in seinem Buch Statist auf diplomatischer Bühne 1923-1945, wie HITLER und sein Außenminister RIBBENTROP am Morgen des 3. September 1939 beim Eintreffen der Antwortnote des britischen Premiers CHAMBERLAIN beisammensaßen und nicht zu fassen vermochten, daß dieselbe bereits die Ankündigung der Kriegserklärung enthielt. Offensichtlich kam eine solche Wendung der Dinge für sie ziemlich unerwartet, obgleich sie doch eigentlich ihrer hätten, gewärtig sein müssen. Wahrscheinlich hatten sie immer noch mit einem weiteren britischen Vorschlag, schlimmstenfalls mit einem Protestschreiben gerechnet, um dann in letzter Minute den in Richtung Abgrund rollenden Karren in gewohnter Manier wieder aufhalten zu können. Denn soviel muß ihnen die neuere Zeitgeschichte inzwischen zugestehen, »einen Weltkrieg wegen Danzig hatten sie beileibe nicht riskieren wollen«.[6]

In HITLERS wie leichthin aufgeworfener Frage: »Was nun?«, die er dann an RIBBENTROP richtete, lag bereits das stille Eingeständnis einer verfahrenen Situation, in die er und sein Außenminister das Reich durch einen über Gebühr strapazierten Politikstil gebracht hatten. Und es war deutlich zu spüren: Ihm selbst war nicht wohl dabei. Trotz seines Paktes mit STALIN, der virtuos eingefädelt worden war und eigentlich jede Eskalation des Konfliktes hätte verhindern sollen, waren Briten und Polen —aus welchen Gründen auch immer — in einer Weise unnachgiebig geblieben, die in seinen Augen jeder Logik Hohn sprach. So war der Erfolg diesmal ausgeblieben. Und gerade in diesem Augenblick mag er begriffen haben, daß damit nicht nur sein größter und letzter Coup gescheitert war, sondern etwas kaum Wiedergutzumachendes eingetreten war. Zwar konnte er davon ausgehen, den Krieg gegen Polen mit den vorhandenen Kräften und Mitteln in einem zeitlich begrenzten Feldzug siegreich beenden zu können, doch nicht im Rahmen der von ihm beabsichtigten isolierten Straf- und Polizeiaktion. Denn wie sich nach seinem Friedensangebot vom 6. Oktober 1939 herausstellen sollte, herrschte in Europa weiterhin Kriegszustand.

Über eine längere Zeitperiode hinweg, mindestens aber seit 1934, hatte HITLER ein von vielen bewundertes, in Wahrheit aber riskantes Spiel be­trieben, in dem seine Einsätze allem Anschein nach brillant berechnet waren. Den Fakten und Umständen nach hätte er eigentlich auch gewin­nen müssen. Da aber stoppte der britische Croupier am anderen Ende des Tisches die rollende Roulette-Kugel mit dem Ausruf: »Nichts geht mehr!«

Eine Mahnung, in der sich unvermutet das Schicksal selbst zu offenba­ren schien, indem es der Warnung ein »Zero!« folgen ließ, was bedeutete, daß ab jetzt nicht nur kein Gewinn mehr ins Haus stand, sondern der gesamte Einsatz verloren war.

Und dieser Ruf: »Nichts geht mehr!« kam ausgerechnet von einem Mann, von dem man es am allerwenigsten erwartet hätte. Er kam von Sir Neville CHAMBERLAIN, einem Mann der Langmut und des Verständnis­ses, der zuletzt noch in der Krise mit der Tschechoslowakei seine helfen­de Hand nicht verweigert und selbst nach HITLERS Einmarsch in Prag vor dem Unterhaus noch geäußert hatte, dies sei zwar bedauerlich, aber kein Grund, die britische Politik zu ändern. Zwar habe sich seine Regie­rung in München verpflichtet, Prag Beistand zu leisten, doch habe der Abfall der Slowakei diese Garantie hinfällig werden lassen. Deshalb fühle er sich an die Verpflichtung nicht mehr gebunden.[7] An anderer Stelle habe ich auf die Aufzeichnungen LIDDELL HARTS, des unbestechlichen britischen Militärhistorikers verwiesen, der uns schildert, wie es dann we­nige Tage nach CHAMBERLAINS Unterhausrede zu jener abrupten Kehrt­wendung gekommen ist, die sich verheerend auf das weitere deutsch­britische Verhältnis ausgewirkt hat (vgl. dazu die Seiten 24 ff. in seiner Geschichte des Zweiten Weltkrieges).

Man kann es nicht anders als ein Verhängnis bezeichnen, daß beide Partner am Spieltisch nicht erkannten, was damit für Europa und die Welt auf dem Spiel stand. Den Deutschen kostete es das Reich, den Bri­ten das Empire.

Die Kriegswirtschaft im Jahr 1939 — Verteilung des Mangels

Jedenfalls ist vieles inkorrekt, übertrieben oder schlichtweg unrichtig, was wir heute über Deutschlands Lage zu Kriegsbeginn in Presse oder Fern­sehen erfahren. Denn das Reich war 1939 eben nicht bis an die Zähne bewaffnet und kriegsbereit, sondern es war in der Gesamtheit seines Funktionsapparates auf einen größeren Konflikt nicht eingestellt. Als HITLER daher daranging, die Danzigfrage »so oder so« einer Lösung zu­zuführen, um schließlich wider Erwarten vor die Kriegserklärungen Eng­lands und Frankreichs gestellt zu werden, war das Ergebnis nicht das, was er sich erhofft hatte. Und wie alles bei HITLER, der darauf einen Großteil seiner politischen Erfolge zurückzuführen wußte, bestand auch die zivil-militärische Kriegführungsbereitschaft des Dritten Reiches im wesentlichen aus Tarnung, Täuschung und Bluff.

Denn es fehlte sozusagen an allem. Weder waren die für einen länge­ren Krieg erforderlichen personellen und materiellen Voraussetzungen geschaffen, noch die notwendigen Vorbereitungen und Maßnahmen getroffen worden. Wesentlichste Erfordernisse, wie die Sicherung von Aus­landszufuhren, von Rohstoffimporten, Dienstleistungen usw., waren nicht gegeben. Das einzige, was klappte, weil im Frieden mehrmals geübt, war die Mobilisierung des Friedensheeres, einschließlich der Mob-Einberu­fungen von Reservisten, der Ersatzreserve sowie der personellen und materiellen Mob-Beorderung ziviler Dienste. Dazu gehörte die Gestel­lung von Transportmitteln, Baumaschinen, Kraftfahrzeugen, Pferden, Hilfsdiensten und sonstigen Leistungen aller Art.

Doch auch hier hakte die Koordination gewaltig, so zum Beispiel mit einer Vielzahl betroffener ziviler Dienststellen, insbesondere mit dem Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft (GBW). Während sich die Rüstungshauptbetriebe wie Waffen- und Munitionsfabriken, die der Auf­sicht des Heeres unterlagen, ihren Personalbestand durch Unabkömm­lichkeitsstellung gesichert hatten, war dies für die Belegschaften der übri­gen kriegs- und lebenswichtigen Betriebe des GBW nicht geschehen. Denn die Organisation der Wehrwirtschaft, deren ziviler Teil oben genanntem Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft (GBW) unterstand, war bei Kriegsbeginn nur ein Torso. Die erheblichen Lücken und Mängel began­nen sich erst anläßlich der Mobilmachung im August 1939 zu zeigen, als die damit befaßten Bezirkswirtschaftsämter und Landesarbeitsämter plötz­lich Aufgaben erhielten, denen sie nicht im entferntesten gewachsen waren. So befanden sich die eigentlichen Mob-Vorbereitungen erst noch im Anfangsstadium der Bearbeitung, »Erzeugungspläne für den Mob-Fall« fehlten nahezu völlig, und die betroffenen Wirtschaftsbetriebe waren noch kaum erfaßt. Personalplanungen für die kriegs- und lebenswichtigen Be­triebe des GBW lagen nicht vor. Dadurch wurde allen, selbst den wich­tigsten Unterlieferanten der Hauptbetriebe durch Einberufungen zum Kriegsdienst qualifiziertes Personal entzogen. Diese Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit der Zulieferer- und Unterbetriebe wirkte sich unmit­telbar auf die Höhe des Gesamtproduktionsausstoßes der Rüstungswirt­schaft aus. Mit anderen Worten, der gesamte Rüstungsausstoß erlitt bei Kriegsausbruch einen durchgehenden Schock und fiel in seiner Leistungs­fähigkeit überproportional ab, so daß die Gesamtproduktion nach Kriegs­beginn weit unterhalb dessen zu liegen kam, was die gewohnten Quoten der Friedensproduktion ausmachte. Zusätzlich erschwert wurde die Lage noch durch den Wechsel der Unterstellungsverhältnisse im Mob-Fall. Und die Folgen zeigten sich rasch.

Dies alles ist in der dankenswerten Studie des MGFA, Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, in den Bänden 1 und 5/1 genauestens auf­gezeichnet und widerlegt somit die heute immer noch gängige Behaup­tung, alles im Dritten Reich wäre auf den Krieg hin bestens organisiert gewesen.

Die Munitionskrise September 1939 bis Juni 1940

So zeichnete sich bereits bei Kriegsbeginn ab, daß die Munitionsausstat­tung für die kämpfende Truppe, also für Infanterie-, Panzer- und Artille­rieverbände, im Laufe weniger Wochen knapp werden und schon ab 1. Oktober 1939 nicht mehr oder nur zum Teil gedeckt werden würde. Denn an Nachschubkapazität waren nur die friedensmäßig vorgeschriebenen Sätze für 30 Kampftage vorhanden. Die Kriegsfertigung aber war weder ausreichend vorbereitet, noch im benötigten Umfang sichergestellt, und daher noch überhaupt nicht angelaufen. Ebenso verhielt es sich mit der Produktion und dem Nachschub von Fliegerbomben und schwerer Ar­tilleriemunition.

Bereits vor Kriegsbeginn, wiederholt aber zum 1. September 1939, wurde der obersten Führung vor Augen gestellt, wie sehr das Munitions­programm, verglichen mit demjenigen der Feindstaaten, noch zurücklag. Der veranschlagte Bedarf würde erst in eindreiviertel Jahren hinreichend gedeckt werden können. Bis dahin aber würde den Munitionsanforde­rungen aller drei Wehrmachtteile nicht entsprochen werden können.[8] Ja, es erschien praktisch unmöglich, die Fertigstellung oder den Umfang des Ausbaues der Produktionsstätten so zu beschleunigen, daß die gröbsten Engpässe beseitigt werden könnten.[9] Auch von der chemischen Seite her war die Erstellung eines erweiterten Munitionsprogramms vorerst uner­füllbar. Hinzu kam, daß die benötigte Anzahl von Fachkräften aufgrund der Einberufungen für die Wehrmacht nicht bereitgestellt werden konnte.

Bestandteile des unmittelbaren Kriegsbedarfs wie TNT, Ammonsal­peter, Zellulosenitrate, raucharmes Pulver, Spreng- und Ersatzspreng­stoffe und vor allem Baumwolle waren nicht verbindlich festgelegt, wes­halb die Lager zum Jahresende 1939 erhebliche Lücken aufwiesen.

Und obige Voraussage traf ein! Tatsächlich wurde bereits in der drit­ten Septemberwoche 1939 bei der kämpfenden Truppe die Panzer-, Ar­tillerie- und Infanterie-Munition knapp und konnte ab 1. Oktober 1939 nicht mehr oder nur zu einem Teil gedeckt werden.

Die begrenzte Reichweite der deutschen Rohstoffversorgung

Gleiches galt für den Einsatz von Rohstoffen. An Eisen konnten lediglich 50 Prozent des Bedarfs bereitgestellt werden. Stahl, Kupfer, Blei, Zink, Zinn, Wolfram, Chrom, Molybdän, Vanadium, Bauxit, Glimmer und Nickel standen nur begrenzt zur Verfügung. Insgesamt war die Rohstofflage so ungünstig, daß mit einer Verwirklichung der vorgesehenen Industrieprogramme für die Kriegswirtschaft nicht gerechnet werden konnte:[10] so zum Beispiel des vorgesehenen Pulver- und Sprengstoff-Programms, der Kautschuk- und Gummigewinnung für die Bereifung von Fahrzeugen, des Quecksilbers für die Gefechtszünder, des dringend gebrauchten Aluminiums für den Flugzeugbau, der Platinbestände für chemische Apparate, des Antimons und Mangans für die Stahlproduktion — und, nicht zu vergessen, des Glyzerins, Schwefels und Salpeters für die drin­gend gebrauchten Explosivstoffe.[11]

Alles das war im Reich entweder gar nicht oder nur begrenzt vorhan­den und mußte gegen teure Devisen eingeführt werden. Doch auch die Devisen waren knapp, und nun erwiesen sich auch noch die meisten Han­delsverbindungen als gestört oder hinfällig. Denn jetzt begann sich die britische Handelsblockade der Home Fleet auszuwirken, die sich ab Som­mer 1940 auf ganz Europa erstreckte, was so viel bedeutete, daß alle bis dahin im deutschen Verantwortungsbereich liegenden Staaten und Län­der am Tropf der deutschen Versorgung und Wirtschaft hingen.

Lediglich Kohle für die allgemeine Produktion war reichlich vorhan­den, was sich aber dadurch negativ bemerkbar machte, daß damit viele Tausende Arbeitskräfte gebunden wurden. Fast alle oben genannten Roh­stoffe reichten nur noch für wenige Monate, höchsten noch für ein Jahr. Erhalt und Gewinnung aber hingen wie beispielsweise die Stahl- und Nickelproduktion davon ab, ob ihre Einfuhr, die jederzeit durch Feind­einwirkung unterbrochen werden konnte, aufrechtzuerhalten war. Zwar hatte nach dem deutsch-russischen Pakt vom 23. August 1939 STALIN großartige Lieferungen versprochen, doch war zu beobachten, daß die UdSSR dem nur zögerlich nachkam und oftmals den Antransport stocken ließ.

Um die Wirkung der britischen Blockade auszuhebeln, bezog HITLER aus Sowjetrußland zahlreiche Güter, die er für den Krieg im Westen brauchte. Hier Kesselwagen auf dem Verschiebebahnhof in Przemysl. Bis zum 22. Juni 1941 hielt STALIN die Vereinbarungen von August 1939 in Sachen Handelsbeziehungen strikt ein — wohl, um seine Angriffspläne zu vertuschen.

Die mangelhafte Treibstoffversorgung im Reich

Die Brennstoffversorgung des Dritten Reiches stellte das Hauptproblem dar. Und das gerade zu einer Zeit, zu der die Armeen zunehmend moto­risiert wurden und die Luftstreitkräfte ein entscheidender Faktor der Krieg­führung zu werden begannen. Aus eigenen Quellen und aus künstlich hergestelltem Treibstoff gewann Deutschland lediglich eine halbe Mil­lion Tonnen Öl. Allein um den Friedensbedarf zu decken, mußte es bis zu fünf Millionen Tonnen jährlich einführen, was selten gelang.

Die bisherigen Lieferanten waren: Venezuela, Mexiko, Niederländisch-Indien, die USA, Rußland und Rumänien. Der Zugang zu den vier erst­genannten war mit Kriegsbeginn versperrt, und zu den beiden letztge­nannten nur durch Eroberung oder Einmarsch erreichbar. Das galt für den Friedensbedarf; der Kriegsbedarf war jedoch verständlicherweise min­destens doppelt so hoch wie der Friedensverbrauch und wuchs bis zu 12 Millionen Tonnen je Jahr an. Daß eine ins Gewicht fallende Steigerung von synthetischem Treibstoff möglich gewesen wäre, stand nicht zu er­warten. Die derzeitig vorhandenen Benzin- und Ölvorräte nahmen be­reits in den ersten Kriegswochen rasch ab. Vergasertreibstoffe sowie Dieselkraftstoffe und Heizöle deckten im Durchschnitt nicht einmal ein Viertel des Grundbedarfs. So waren Dieselkraftstoffe für die Panzerdivi­sionen und Schiffseinheiten (Schiffsdiesel) von Anbeginn an rationiert.

Damit war klar: Deutschland konnte einen langen Krieg nicht führen! Es war in keiner Weise dazu in der Lage. Bei jedem Konflikt, der nun auftrat, würde somit das Kriegsglück davon abhängen, ob der Krieg rasch — und zwar so rasch wie möglich — beendet werden konnte. Das waren die nackten Tatsachen. Und das Fatale daran war, daß dies auch Deutschlands Gegner wußten und daß ihre Berechnungen darauf abgestellt waren. Nur das erklärt ihr Interesse, den begrenzten deutsch-polnischen Konflikt zum Weltkrieg ausweiten zu lassen, und ihr Bestreben, möglichst zahlreiche Kriegsschauplätze zu eröffnen, auf denen die Wehrmacht sich zu Tode würde siegen können. Und es erklärt ebenso, warum keines der zahlreichen deutschen Friedensangebote in London verfing. Denn dort rechnete man bereits mit dem baldigen Kriegseintritt der USA, den Präsident ROOSEVELT insgeheim für die Zeit seiner dritten Wahl im November 1941 in Aussicht gestellt hatte.

Der Flugzeugbau wurde zwar vorangetrieben, doch traten auch in der Luftwaffe Engpässe in der Treib­stoffversorgung auf. Die ab Mitte der drei­ßiger Jahre erbauten Hydrierwerke zur Synthetisierung der Benzinherstellung wa­ren die einzige Quelle des Flugbenzins und konnten den Bedarf nur während eines kurzen Feldzugs eini­germaßen decken.

Kriegswirtschaftsplanung ohne Kriegs- und Rüstungsplan — geht das überhaupt?

Eine Kriegswirtschaftsplanung, wichtigste Voraussetzung dafür, daß die nur in begrenztem Umfang vorhandenen Materialien und Rohstoffe sinn­voll und mit dem größten Nutzen für alle Verbraucher verteilt werden können, existierte ebenso wenig wie ein Gesamtrüstungsplan oder ein Langzeitplan für die Gesamtkriegführung des Reiches. Vielmehr weist das Studium der Unterlagen darauf hin, daß auf allen oben genannten Gebieten lediglich improvisiert und von der Hand in den Mund gelebt wurde. Im Kriegsplan sollte sowohl das militärische Ziel selbst als auch die Art und Weise, wie es erreicht werden sollte, festgeschrieben werden. Sodann sollte festgelegt werden, welche Staaten als mögliche Gegner, welche als deren denkbare Verbündete in Betracht kommen, welcher davon der Hauptgegner ist und wie und mit welchen Mitteln er bekämpft werden kann.

Steht das fest, sollte das Kriegspotential der möglichen Gegner, ihre geostrategische Lage sowie der eventuelle Zeitbedarf bis zu ihrer Aus­schaltung abgeschätzt werden. Nur mit verwertbaren Erkenntnissen zu diesen Punkten kann ein realitätsnaher Kriegsplan erstellt werden. Von diesem hängen schließlich die personelle und materielle Beschaffenheit sowie die Ausrüstung der eigenen Streitkräfte so wesentlich ab, daß er als Grundlage für den Rüstungsplan und damit für die zu beschaffenden Rohstoffe, die Sicherung ihrer Beschaffung sowie für die zeitgerechte Umstellung von der Friedens- auf die Kriegsproduktion dienen kann.

Das Ziel jeder Rüstungsplanung ist es, für die Verwirklichung des Kriegsplanes dadurch zu sorgen, daß die Streitkräfte rechtzeitig und aus­reichend mit demjenigen Kriegsmaterial ausgestattet werden, das »dem Stand der Technik und den Erfordernissen des künftigen Krieges ge­recht« wird. Kriegsplan und Rüstungsplan müssen also ein in sich stim­miges Ganzes darstellen, soll eine berechtigte Aussicht auf Erfolg ge­währleistet sein.[12]

HITLER und HIMMLER am Westwall, der sich über 600 km von der Schweizer Grenze bis nach Aachen erstreckte und Frankreich von einem Angriff ab­schrecken sollte.

Alles das war zur Zeit des Kriegsausbruchs 1939 im Deutschen Reich nicht oder nur im Ansatz vorhanden und von der politischen Führung entweder nicht für erforderlich gehalten, noch nicht in Angriff genommen oder aber sträflich vernachlässigt worden. Daraus läßt sich die Folgerung ableiten, daß zum fraglichen Zeitpunkt nicht die Absicht bestanden ha­ben kann, sich in irgendeiner Weise auf einen größeren Kon­flikt oder gar auf eine längere Kriegführung einzulassen. Mit dem vorhandenen Personal-, Material- und Kriegswirtschafts­rahmen jedenfalls konnte man bestenfalls erwarten, den einen oder anderen potentiellen Geg­ner Deutschlands von einem Angriff abschrecken oder an der Reichs­grenze aufhalten zu können. Denn mit den später eingetroffenen Siegen war nicht im voraus zu rechnen. Sie waren in diesem Ausmaß von der militärischen Führung nicht einmal erwartet worden.

Wenn man in Betracht zieht, wie groß die Engpässe waren, die sich auf dem Gebiet der Rohstoffe, Materialien für die Ausrüstung und Be­waffnung der Streitkräfte auftaten, dann kann man sich über den Verlauf der ersten Kriegmonate und -jahre nur wundern.

Die angeblich stärkste und bestbewaffnete Armee der Welt war ein Torso

Seit Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht waren im Reich die Vorbereitungen für eine Mobilmachung der Truppe wieder aufgenom­men worden (Mob.-Plan für das Heer). Durch ein vielfach abgestuftes System von zeitlich gestaffelten Maßnahmen konnte die Mobilmachung ohne oder mit öffentlicher Verkündung durchgeführt werden. Ihre Schnel­ligkeit beruhte auf der Solidität der Planung, die durch jährliche Über­prüfung abgesichert wurde und mit der Beweglichkeit der Reichsbahn rechnen konnte.

Wenn das Heer mit Kriegsbeginn 1939 zu den wahrscheinlich mo­dernsten Streitkräften der Welt gehörte, so lag das allein an dem Um­stand, daß ihm nach 1919 alle Ausrüstung bis auf das letzte Rad und die letzte Kanone weggenommen, verteilt und verschrottet worden war. Es mußte praktisch ganz von vorn anfangen und jede Waffe, jedes Ausrü­stungsstück neu erfinden und erproben, weshalb der Aufbau der Wehr­macht ohne die theoretische und praktische Entwicklungsarbeit der Reichswehr nicht realisierbar gewesen wäre. Die Planung des Ausbaues fand ihren Höhepunkt im Augustprogramm 1936, dessen Ziele hinsicht­lich Ausstattung und Ausrüstung der Truppe zwar nicht erreicht werden konnten, das jedoch durch Streckung des verfügbaren Personals von 44 geplanten Divisionen auf 53 Großverbände anwuchs. Dieses setzte sich nach den Aufzeichnungen von MÜLLER- HILLEBRAND (Heer I, S. 65 ff.) aus 35 Infanterie-, 3 Gebirgs-, 6 Panzer-, 4 leichten und 4 motorisierten Di­visionen zusammen.

Um die Aufstellung der 35 Infanteriedivisionen des Kriegsheeres aus den 35 Divisionsverbänden des Friedensheeres zu ermöglichen, mußte ein besonderes Verfahren entwickelt werden. Dabei galt es, die zum Zer­reißen angespannte Personaldecke so zu strecken, daß daraus ein wider­standsfähiges Wehrorgan entstand.

Dafür wurden bei der Infanterie des Feldheeres vier verschiedene Di­visionstypen entwickelt, >Wellen< genannt. Die 35 Divisionen der 1. Welle bestanden bereits als Friedensdivisionen lediglich aus 78 Prozent akti­ven, gut ausgebildeten Personals. Sie wurde nun im Rahmen der Kriegs­planung mit Reservisten aufgefüllt und damit weitgehend vervollstän­digt. Damit waren sie in den Stand versetzt, sozusagen als Feuerwehr überall eingesetzt werden zu können. Dagegen verfügten die 16 Divisio­nen der 2. Welle nur über 6 Prozent aktives Personal, und die Masse der Mannschaften rekrutierte sich zu 83 Prozent aus dem ziemlich kleinen Bestand von Reservisten der Wehrmacht mit mindestens neunmonatiger Ausbildung. Die 20 Divisionen der 3. Welle wurden vornehmlich von Reservisten aus den Ergänzungseinheiten des Heeres und aus Landwehr­pflichtigen gebildet, die ihre militärische Ausbildung zum Teil vor 1918 erhalten hatten und aus Altersgründen nur noch bedingt einsetzbar wa­ren. Die 14 Divisionen der 4. Welle schließlich verfügten über 21 Prozent ausgebildeter Reservisten der Wehrmacht, gründeten sich aber vornehm­lich auf bestehende Ergänzungseinheiten und daraus hervorgegangene Reservisten der verschiedensten Truppenteile und Lehrgänge.[13]

Dieses Feldheer, bestehend aus 85 nur zum kleineren Teil feldverwen­dungsfähigen Divisionen, ist von der militärischen Führung im Sommer 1939 mit Recht als nicht kriegsfähig bezeichnet worden, und dieses Ur­teil zieht sich durch die gesamte militärische Memoirenliteratur der da­maligen Heerführer der Wehrmacht.[14]

Tatsächlich waren die Infanteriedivisionen der 1. Welle, was den Re­servistenanteil anging, personell zwar aufgefüllt, jedoch hatte ihre Aus­bildung und vor allem auch ihre Ausrüstung noch keinen befriedigenden Stand erreicht. Auch der Zustand des Verkehrswesens, besonders bei den schnellen und den motorisierten Verbänden, entsprach nicht den militärischen Forderungen.[15] »Das Urteil bildete sich je nach dem Maßstab, den man anlegte.«[16] Das >Soll< in der materiellen Ausstattung der Truppe, die Bevorratung und vor allem die industriellen Vorbereitungen für die Beschaffung und Bereitstellung einer leistungsfähigen Nachschuborganisation waren bei Kriegsausbruch nicht erfüllt.

Deshalb kam dem Ausspruch des ehemaligen Reichswehrministers GROENER aus dessen Weisung von 1930 besondere Bedeutung zu. Der Minister hat in dem für die damalige Reichswehr besonders kritischen Jahr, denn ein drohender Konflikt mit Polen schien ins Haus zu stehen, gesagt, daß heutzutage ausschließlich politische Gesichtspunkte für die Definition der Aufgaben von Streitkräften maßgebend sein könnten. Das wurde nun in aller Konsequenz zur bitter erfahrenen Wirklichkeit. Mit anderen Worten: Die Truppe hatte die ihr von der Politik zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen, gleich, welche Mittel und Kräfte ihr dafür zur Ver­fügung gestellt wurden. Schließlich hatten Reichswehr und Wehrmacht von Anbeginn unter dem Druck dauernder Drohkulissen und Mängel­lagen ihren Dienst tun müssen und waren es daher gewohnt, mit Aushil­fen zu arbeiten. Diese Auffassung, die sich nach dem Schmachfrieden von Versailles während der Zeit des Aufbaues des Reichsheers unter den argwöhnischen Augen der Siegermächte entwickelt hatte und die sich später beim schrittweisen Ausbau der Wehrmacht durchsetzte, machte sich auch ihr oberster Befehlshaber, Adolf HITLER, zu eigen. Er tat das, indem er keinen Augenblick zögerte, von der Wehrmacht nicht nur das eben noch Mögliche, sondern jederzeit auch Unmögliches einzufordern. Und es spricht für ihre Qualität, daß sie trotz größter Verluste, Wunden und Mängel in einem sechs Jahre andauernden aussichtslosen Ringen gegen eine Übermacht von Feinden, in dem sie oft genug den Sieg an ihre Fahnen geheftet hatte, ihren Mut, ihre Zuversicht und Disziplin zu keinem Zeitpunkt verloren hat.

Wilhelm GROENER. Der Generalleutnant im Ersten Weltkrieg war von 1928 bis 1931 Reichswehrmi­nister.

Die schlechte Personallage der Wehrmacht bei Kriegsbeginn

Kurz vor Kriegsbeginn mobilisierte die Wehrmacht zunächst 2,7, dann zum 1. September 4,5 Millionen Mann und übertraf damit die Einberu­fungskapazität des kaiserlichen Heeres von 1914, das 3,8 Millionen unter die Fahnen gerufen hatte. Doch verglichen mit letzterem, stand die Wehr­macht sehr viel schlechter da. Sie konnte nicht auf einen Anteil von 3 Millionen ausgebildeter Mannschaften zurückgreifen wie das damalige Kaiserreich. Die weit überwiegende Anzahl der Mob-Beorderten stellte lediglich unausgebildeten Wehrersatz dar, weshalb das mobilgemachte Kriegsheer zum 1. September lediglich auf die 35 >aktiven< Infanteriedi­visionen zurückgreifen konnte?[17] Mit ihnen galt es nun, Polen in einem raschen Feldzug niederzuwerfen, die gesamten Reichsgrenzen zu schüt­zen und im Westen die Armeen Frankreichs und Englands in Schach zu halten. Das war etwas viel verlangt, aber es wurde geleistet. Der bekannte englische Militärhistoriker LIDDELL HART, der nach dem Krieg die damalige Lage der Deutschen interessiert betrachtete, kommt zu dem Urteil: »Die deutsche Armee war im Jahr 1939 nicht bereit für den Krieg – einen Krieg, den die Generale nicht erwarteten. Auch ihre Ausrüstung war unzureichend. … Trotzdem nahm man später allgemein an, Deutschlands rasche Siege im Anfangsstadium des Krieges seien einer überwältigenden Überlegenheit an Waffen und Mannschaftsstärke zuzuschreiben gewesen.«[18]

Die Kriegsstärken der Gegner in Ost und West waren demgegenüber mit mindestens 7,5 Millionen Mann zehnmal so hoch. Davon vermochte Polen 2 Millionen Mann mit 30 aktiven Divisionen, 12 Kavalleriebrigaden und 10 Reservedivisionen ins Feld zu stellen. Frankreich, das damals als die stärkste Militärmacht der Welt galt, hatte insgesamt 5 Millionen Mann mobil gemacht, wovon zwei Drittel in den 65 aktiven Divisionen dienten, der Rest in 45 Festungs- ­bzw. Reservedivisionen. Das ergab insgesamt 110 französische Divisio­nen. England unterhielt auf dem europäischen Festland lediglich eine Expeditionsarmee von rund 450 000 Mann mit 5 1/2 Divisionen, besaß aber eine Territorialarmee von 26 Divisionen im Mutterland, die bei Be­darf auf 55 Divisionen erweitert werden konnte, ganz abgesehen von den im Commonwealth vorhandenen zahlreichen Streitkräften.

Die Wehrmacht wies 1939 einen hohen Personalmangel auf, bedingt unter ande­rem vor allem durch den weltkriegsbe­dingten Geburten­rückgang in den Jah­ren 1914 bis 1917. Hier (oben): Wehr­pflichtige auf dem Weg zur medizini­schen Untersu­chung; unten: Re­krutierungsfahrt im bayrischen Strau­bing.

Die personelle Lage der Wehrmacht spiegelte ein Bündel negativer Bedingungsfaktoren wider, die einerseits in der demographischen Lage des Reiches ihren Ursprung hatten, andererseits aber auch aus der politischen Entwicklung von 1919 herrührten. Zwischen Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1935[19] und dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 lagen lediglich vier Jahre, in denen nur die Jahrgänge 1914 bis 1917 als friedensmäßig ausgebildet angesehen werden konnten. Dabei traf der weltkriegsbedingte Geburtenrückgang gerade diese Jahrgänge besonders hart, aus denen im Vergleich zu den Geburtsjahrgängen der Vorkriegszeit bis zu 50 Prozent weniger Dienstpflichtige je Jahrgang zur Verfügung standen. Damit ergaben sich Jahrgangsstärken zwischen lediglich 300 000 und 400 000 Mann, von denen wiederum oft kaum die Hälfte den Anforderungen des Wehrdienstes entsprach.

Der Personalmangel in der Wehrmacht machte sich schon bald so be­merkbar, daß nichts anderes übrig blieb, als bei der Einberufung auf die weltkriegsgedienten Jahrgänge 1894 bis 1900 zurückzugreifen, deren Le­bensalter zwischen 39 und 46 Jahren lag, von denen bereits aufgrund der hohen Weltkriegsverluste und erlittener Kriegsverletzungen ein nur ge­ringer Prozentsatz verfügbar war. Die anschließenden sogenannten >wei­ßen Jahrgänge< waren bei Kriegsausbruch durchweg unausgebildet und nur in der Ersatzreserve im Landsturm, in der Landwehr und als Reserve I bis II verwendbar.

Damit verfügte die Kriegswehrmacht zu Beginn des Krieges zwar über ausreichende Reserven an Unausgebildeten, hingegen stand für die fech­tende Truppe kein nennenswerter Ersatz an 18- bis 34jährigen zur Ver­fügung. Das Fehlen ausgebildeter Jahrgänge wurde schließlich als so »ein­schneidend« empfunden, daß bereits auch die nur bedingt Tauglichen zum Wehrdienst eingezogen werden mußten, um die Anzahl der Divi­sionen aufrechterhalten zu können?[20] Das war kein guter Ausgangspunkt, um einen Welteroberungskrieg zu führen.

Die Offiziers- und Unterführerlage im Feldheer

Zwar war in der Wehrmacht an Unteroffizieren zunächst kein Mangel, weil das Reichsheer der Weimarer Republik über einen überproportional hohen Anteil an Unteroffizieren verfügt hatte. Das änderte sich jedoch nach Einführung der Wehrpflicht durch eine Vielzahl von Personalabga­ben an andere Teilstreitkräfte, weshalb die Anzahl der Planstellen für Unteroffiziere bei den Kompanien um bis zu 4 Stellen gekürzt werden mußte.[21] Insgesamt verfügte das auf 35 Divisionen erweiterte Friedens­heer bei Kriegsbeginn im Rahmen der Kriegswehrmacht über 150 000 Unteroffiziere, was knapp ausreichend war.

Schwerwiegender waren dagegen die Folgen der Wiederbewaffnung im Bereich des Offiziersersatzes. Bereits seit Ende 1935 hatte der Chef des Heerespersonalamtes weitere Heeresvermehrungen im Hinblick auf den verfügbaren Offiziersersatz wiederholt abgelehnt. Während das Frie­densheer für Offiziere einen Richtsatz von 7 Prozent im Verhältnis zur Gesamtstärke vorsah, mußte während der Aufbauphase das Verhältnis auf 3 Prozent herabgesetzt werden. Nach Wiedereinführung der Wehr­pflicht sank es erneut und lag schließlich um 2 Prozent. Offiziere waren also bereits im Frieden Mangelware, und der dreijährige Kursus für Offi­ziersbewerber mußte auf 2 Jahre herabgesetzt werden.

Um die Lücken im aktiven Offizierskorps zu schließen, mußte auch hier auf kriegsgediente Offiziere des Ersten Weltkrieges zurückgegriffen werden. Dabei verzichtete man zunächst auf Angehörige der Geburts­jahrgänge 1892 und älter, um eine drohende Überalterung zu vermeiden, was jedoch in der Folgezeit nicht eingehalten werden konnte. Schon ab 1938 wurde auch auf 54jährige ehemalige Offiziere zurückgegriffen. Dadurch vergrößerte sich das Mob-Offizierskorps zwischen 1936 und 1939 von 74 000 auf 99 000 Mann.

Die Heeresrüstung und Bewaffnung bei Kriegsbeginn

Der Ist-Bestand an Waffen bei Kriegsbeginn war bei einigen der im Heer gebräuchlichen Typen höher als der Soll-Bestand. Doch war die Lage nur bei den leichten Waffen zufriedenstellend. Bei den schweren Waffen war dies lediglich beim schweren Granatwerfer und dem schweren In­fanteriegeschütz der Fall. Bei den übrigen Waffen, vor allem bei Waffen für schweres Flach- und Steilfeuer, klafften dagegen große Lücken. Diese waren umso bedenklicher, als die Nachschubvorräte entweder nur klein oder gar nicht vorhanden waren und die Neufertigung gering war.[22]

Doch auch die Bestände an Hauptwaffen des Heeres — Gewehre, leichte und schwere Maschinengewehre, Feldartillerie, leichte Granatwerfer, leich­te Panzerabwehr 3,7 cm, leichte Flak 2 cm, schwere Granatwerfer, Pan­zer I und Panzer II — entsprachen selten den Soll-Forderungen. Vor al­lem aber reichte ihre Munition für nur sechs Wochen. Die Munitionslage insgesamt war katastrophal. Hätte der Feldzug in Polen nur einen Monat länger gedauert oder die französische Armee im, Westen angegriffen, hätte der Krieg für die Wehrmacht schon 1940 ein bitteres Ende nehmen können. Denn bereits im September 1939 lagen die Fehlbestände zahlreicher Waffen bei durchschnittlich 70 Prozent. Und bei manchen davon war nach dem Polenfeldzug die Verlustquote höher als die Neuproduktion.

Ausgebrannter deutscher Panzerkraftwagen II in Warschau.

Bei der Umrüstung der Panzerdivisionen hatten vermehrt die schweren Panzer, das heißt die Panzer III und Panzer IV, verwendet werden sollen, um in Gefechten mit gepanzerten Gegnern bestehen zu können. Doch waren diese nur in so kleinen Stückzahlen vorhanden, daß die Panzertruppe auf die Typen Panzer I und II bis weit ins Jahr 1940 hinein angewiesen blieb. Die Panzertypen I und II waren zwar Auslaufmodelle, weil zu leicht bewaffnet, von ungenügender Panzerung und daher in Panzergefechten mit den meisten gegnerischen Typen unterlegen. Sie bildeten jedoch noch lange das Rückgrat der Panzerdivisionen, die davon insgesamt 2177 Stück besaßen.

Die Neuanfertigung von Panzerwagen lief nur schleppend an und beschränkte sich auf sehr kleine Stückzahlen. Bis April 1940 konnten lediglich 315 Panzer III und 84 Panzer IV der Panzertruppe zugeführt werden, was kaum die Verluste ersetzte. Von den Panzertypen M 35 und M38, die von der tschechischen Armee übernommen worden waren, existierten nur geringe Bestände, nämlich lediglich 197 und 57 Stück —eine mit Blick auf die französischen Panzerzahlen von rund 3000 Stück nicht eben beruhigende Zahl.[23]

Die Panzerabwehrkanone 3,7 cm war bei der Truppe zwar in befriedigender Anzahl vorhanden, erwies sich aber gegenüber stärkerem Panzerfeind weniger effektiv als die leichte Flak 2 cm, die in sehr viel geringerem Umfang vertreten war.

Die Transportlage im Deutschen Reich

Bereits im September 1939 stellte die Transportlage »ein ernstes Pro­blem« für »die erforderliche Steigerung der Rüstungsproduktion« dar. Zwar war die »unmittelbare Rüstungsindustrie« mit dem notwendigen Fracht­raum versehen, doch die Wirtschaft allgemein war so mangelhaft mit Transportmitteln versorgt, daß Zulieferungen für die Rüstungsbetriebe durch die Zulieferindustrie nicht rechtzeitig erfolgten und daher Störungen des Produktionsausstoßes, ja sogar größere Ausfälle verursachten.

Und der Waggonmangel der Reichsbahn verschärfte sich zusehends.[24] Das Waggonbauprogramm mit jährlich 11 000 vorgesehenen Einheiten              stellte sich als unzureichend heraus, weshalb von zahlreichen Dringlichkeitstransporten die Hälfte nicht gestellt werden konnte. Die allgemeine Transportlage verschlechterte sich nach dem Polenfeldzug noch weiter. Die für die Industrie bereitgestellten Waggons machten knapp die Hälfte des Bedarfs aus. Das führte dazu, daß sich die Vorratslager an Rohstoffen in Großbetrieben erschöpften, daß Halbfabrikate nur unzureichend eintrafen und Fertigfabrikate nur mit großer Verzögerung abtransportiert werden konnten.[25] Und nach einigen Monaten Kriegführung hatte sich das Transportproblem mehr und mehr zum Zentralproblem der Kriegswirtschaft entwickelt. Viele Betriebe mußten deswegen ihre Arbeit einschränken, und der Gesamtgüterausstoß sank unter die Friedenproduktion. Und eine wesentliche Steigerung der Rüstungsproduktion war nicht in Sicht. Der harte Winter 1939/40 verschlechterte diese Situation durch den Ausfall zahlreicher Lokomotiven, Rangierbetriebe und die Blockierung der Gleise durch kilometerlange Rückstaus bei Güterzügen.

Schließlich wurde am 15. Februar 1940 ein Bevollmächtigter für Verkehr damit beauftragt, eine Besserung der Lage durchzusetzen. Dieser schlug vor, das Beschaffungsprogramm von jährlich 25 000 auf 59 000 Waggons zu steigern, was zwar eingeleitet wurde, jedoch gegenüber dem vermehrten Verschleiß, der ausgemustert wurde, kaum ins Gewicht fiel. Schließlich beschloß man, die Ausmusterung von Verschleißmaterial zu strecken, was wiederum zu vermehrten Unfällen führte. Wurden früher jährlich etwa 30 000 Stück Waggons ausgemustert, so waren es während der Kriegsjahre nur rund 3000. Ähnlich war die Lage bei den Lokomotiven. Wirkliche, das heißt langfristige Abhilfe war nur durch größere Neubauprogramme zu schaffen. Ins Auge gefaßt wurden Zahlen zwischen 150 000 und 200 000 Stück, das aber stieß an die Grenzen sowohl der Rohstoffmöglichkeiten als auch der mangelnden Produktionskapazitäten.

Zwischen September 1939 und Februar 1940 war die Transportsituation von Monat zu Monat immer verzweifelter geworden. Dies war um so bedeutungsvoller, als ein funktionierendes Transportwesen eine der wichtigsten Grundlagen für die Gesamtkriegswirtschaft einer Nation darstellt. Dafür müssen die unterschiedlichsten Güter den Verbrauchern zugestellt werden können. Sie reichen von Industrieerzeugnissen aller Art sowohl für die Rüstungs- als auch für die Privatwirtschaft Dabei ist eine hinreichende Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Heizstoffen und Düngemitteln ebenso wichtig wie der nansport großer Truppenverbän­de zu ihren Einsatzorten.

Wußte Hitler, wie es um die Wehrmacht stand? Wollte er trotzdem Krieg?

Die Frage, ob und wann HITLER den Entschluß zum Krieg gefaßt hat, wirft die Frage auf, an welchen Krieg er dabei gedacht und wie er die Haltung der europäischen Großmächte eingeschätzt hat. In seinen Aus­führungen am 5. November 1937 vor den führenden Militärs und dem Minister des Äußeren (HOSSBACH-Protokoll) ist diese Frage zwar aufge­worfen worden, doch kommt unsere Zeitgeschichte zu sehr unterschied­lichen Ergebnissen. Während MESSERSCHMIDT als Vertreter der geltenden Lehre bei HITLER die Entschlossenheit zur Gewaltanwendung »als eine der entscheidenden Aussagen vom 5. November 1937« ansieht, muß er doch einräumen, daß »eine Entschlossenheit zum Krieg in dem Sinne, daß nunmehr eine ganz neue Variation HITLERscher Politik einsetzte, die sich grundsätzlich von früheren Überlegungen abgrenzen läßt, darin wohl kaum gesehen werden« kann.[26] Mit anderen Worten: »eine Konkretisie­rung«, von der er meint, daß sie jetzt aber vorliege, liegt eben gerade nicht vor. Auch hier bleibt HITLERS Aussage so vage, daß die Militärs damit nichts anfangen konnten, wenn auch der Außenminister um Ver­setzung eingekommen ist, was auch andere Gründe gehabt haben kann.

SCHULTZE-RHONHOF, als Vertreter einer offeneren Zeitgeschichtsdeutung, sieht das differenzierter. »Der nach dem Kriege entstandene Streit darüber entzündet sich an dem Inhalt.«[27] Der aber sei nicht stimmig, weil das Original des HOSSBACH-Protokolls zu viele Versionen aufweist, die nach dem Krieg durch unterschiedliche Hände gegangen sind. Entscheidend sei daher zu wissen, was HITLER damals wirklich gesagt habe, denn blindlings verlassen könne man sich auf das, was die Nürnberger Ankläger damals in Händen hielten, wohl kaum. Diese sahen darin bewiesen, »daß HITLER den anwesenden Herren seine Kriegsabsicht eröffnet hat und daß sie deshalb als Mitwisser ebenso schuldig wurden wie HITLER selbst«.

Obwohl das Papier vor dem Internationalen Militärtribunal (IMT) in Nürnberg sozusagen den fehlenden Kronzeugen ersetzte, wurde seine Echtheit von den überlebenden Teilnehmern der Sitzung von Anfang an angezweifelt. War es doch faktisch das Hauptdokument, das die Anklage vorweisen konnte, um HITLERS Kriegsabsichten zu beweisen. Deshalb er­suchte die Verteidigung dringend um Aushändigung des Dokuments, um seine Echtheit prüfen zu können, doch das Gericht lehnte den Antrag ab, was den Verdacht auf Fälschung nicht gerade verringert. SCHULTZE-RHONHOF ist in seinem Buch 1939, der Krieg, der viele Väter hatte, auf Seite 301 ff. der Sache genau nachgegangen: Im Ergebnis ist festzustellen, daß weder der Verdacht des Nürnberger Militärtribunals berechtigt erscheint, »die Teilnehmer der Besprechung hätten gemeinsam einen Krieg geplant«, noch der Verdacht, sie hätten »eine Verschwörung gegen den Frieden« vereinbart. Vielmehr geht eindeutig daraus hervor, daß die Teilnehmer anschließend nicht nur HITLERS Gedankengängen lebhaft widersprachen, sondern auch in nachgereichten Denkschriften, den berühmten drei Denkschriften des Generalstabschefs BECK, »eindeutig Stellung gegen eine eventuelle Eroberung der Tschechei bezogen«. Denn nur darum handelt es sich in dem Protokoll.

Verdächtig bleibt allerdings, daß BECK, der mit seinen Denkschriften die Generalität aufrütteln wollte, bald darauf seine Entlassung einreichen mußte, was aber damit zusammenhing, daß er sich zu unmißverständlich gegen die Auffassung seines obersten Dienstherrn gestellt hatte. Doch »von einer Verschwörung der Teilnehmer kann man fürwahr nicht sprechen«.[28] Selbst als der Oberbefehl des Heeres drei Monate später wechselte, findet das Protokoll, das angeblich so hochpolitische Bedeutung gehabt haben soll, keine Erwähnung.

Aber auch die vorangegangenen Besprechungen HITLERS mit der Heeresführung erscheinen kaum ergiebiger. In seinem Vortrag vom 3. Februar 1933, wenige Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler, hat er zwar um Gunst und Vertrauen bei der Heeresführung geworben und dabei auch spätere Kriegsabsichten vage anklingen lassen, doch sei dann jahrelang kein Wort mehr darüber gefallen. Und auch den späteren Reden HITLERS, die sich an die Wehrmachtführung wenden und denen nach Ansicht der Ankläger in Nürnberg eine Schlüsselrolle zukommt, läßt sich nach Einschätzung SCHULTZE-RHONHOFS, die ich teile, ein Entschluß zur Kriegführung nicht entnehmen. »Zwar versucht er das Führerkorps der Wehrmacht zu einem Kriege zu motivieren«, zwar »spricht er von der Erweiterung des Lebensraums und macht deutlich, daß er einen großen Krieg ab 1943 für unausweichlich hält. Doch HITLER enthüllt in keinem dieser Fälle, was er mit der Erweiterung des Lebensraums denn wirklich meint. Jede seiner Reden — wenn sie konkret wird — hebt nur das kleine Stück vom Schleier, das auf dem allernächsten Schritt liegt. Das ist erst Österreich, dann die Tschechei, dann Polen. HITLER hat sich nie gänzlich in die Karten schauen lassen. Nach seinen Ansprachen und Interviews ist es auch wahrscheinlich, daß ihm konkrete Pläne jenseits seiner nebulösen Visionen erst mit den frühen Kriegserfolgen und mit den sich bietenden Gelegenheiten kommen«.[29]

Jedenfalls sind SCHULTZE-RHONHOFS Untersuchung zufolge diese oft als >Schlüsselreden< bezeichneten Ansprachen in dieser Beziehung kaum ergiebig, so weder sein Vortrag vor den Kommandeuren am 10. Februar 1939 noch seine Rede vor den Spitzen der drei Wehrmachtteile am 23. Mai 1939 und schließlich auch nicht HITLERS Rede vor den Oberbefehlsha­bern der Heeresgruppen und Armeen am 22. August 1939, also wenige Tage vor Kriegsbeginn. Zwar bestimmt er darin den 25. August zum Tag des Losschlagens, verschiebt aber den Termin gleich darauf wieder auf den 1. September, bis schließlich die meisten Teilnehmer annehmen, es handele sich lediglich wiederum um einen großen Bluff, und man werde am Ende nochmals um einen bewaffneten Konflikt herumkommen: so VON MANSTEIN in seinen Memoiren, so KEITEL, HALDER, KESSELRING, Ritter VON LEEB und zahlreiche andere Heerführer in ihren Tagebüchern.

Bis es dann doch plötzlich ernst wird! Bis zu guter Letzt die Wehr­macht mitsamt der hohen Generalität sich in einen Krieg verwickelt sieht, den man weder gebilligt noch gewollt und schon gar nicht beabsichtigt hatte! Vielmehr hatte sich noch kurz zuvor der innere Widerstand in der Wehrmacht mit Männern wie BECK, HALDER, OSTER, CANARIS und ande­ren zu bilden begonnen. Und wäre es nicht in Prag zur Verständigung mit den Westmächten gekommen, hätten die Dinge im Reich wahrschein­lich eine ganz andere Wendung genommen.

Ob sich HITLER allerdings wirklich bewußt war, wie torsohaft der Wiederaufbau der Wehrmacht am 1. September 1939 noch war, darf trotz seiner zahlreichen Kontakte mit Vertretern der Wehrmachtführung bezweifelt werden. Jedenfalls sind klare Belege dafür in der einschlägigen Literatur meines Erachtens bisher nicht vorgelegt worden. Es ist viel­mehr anzunehmen, daß seine überzogene Vorstellung von Generalstab und Truppe der alten kaiserlichen Armee, in der er selbst vier Jahre ge­dient hatte, ihn zu der Annahme bewogen hat, der Waffenträger der Nation werde die ihm gestellten Aufgaben schon irgendwie meistern.

Warum aber wurden die Polen so rasch geschlagen?

Während die Polen auf ihre zahlenmäßig starke Kavallerie vertrauten, von der ihre Führer der Meinung waren, sie wären in der Lage, in 30 Tagen in Berlin einzumarschieren,[30] setzte die Wehrmacht auf eine Angriffstaktik, die neuartig war und deshalb — wie so oft in der Kriegsgeschichte — unmittelbar zum Erfolg führte. Im kombinierten Einsatz zwischen Panzer- und Sturzkampfverbänden wurde der Sieg über das Zweimillionenheer der Polen in knapp 20 Tagen erfochten. Die Infanterie spielte dabei nur eine Nebenrolle.

Einige wenige Fachleute hatten in der Vergangenheit die Entwicklung der Panzer- und Flugwaffe genau verfolgt und die Möglichkeiten erarbei­tet, die sich aus dem Zusammenspiel beider Waffengattungen ergaben.

Oben: Neben den Bombern Junkers Ju 88< spielten die deutschen Jagdgeschwader (Messerschmitt >Bf 109 und 110<) eine entscheidende Rolle. Unten: Die polnische Kavallerie war gegenüber den deutschen Pan­zern völlig überfordert und konnte nichts ausrichten. Es wird behauptet, daß Deutschlands rasche Siege im Anfangsstadium des Krieges einer überwältigenden Überlegenheit an Waffen und Mannschaftsstärke zuzu­schreiben seien. Entscheidend war vielmehr die von den Deutschen umgesetzte neuartige Angriffstaktik, nämlich der kombinierte Einsatz zwischen Panzer- und Sturzkampfverbänden.

Und sie hatten auf diese Kar­te gesetzt. Bei den Engländern war es Oberst LIDDELL HART, bei den Franzosen General DE GAULLE. Doch beide hatten sich gegen die Trägheit der Stabsorganisationen ihrer Streitkräfte nicht durchsetzen können. In beiden Ländern existierten nur erste Ansätze zur Erprobung dieser Kriegs­technik.

Bei den Deutschen war es vor allem Heinz GUDERIAN, der den Aufbau der Panzerwaffe gegen viele Widerstände in den eigenen Reihen durchgesetzt, erprobt und geleitet hatte. Zwar war sein Werk erst zum Teil fertig, als die Probe aufs Exempel geliefert werden mußte, doch selbst die wenigen Panzerdivisionen, sechs waren es insgesamt, die bereits aufge­stellt worden waren, reichten aus, um die Speerspitze der Heeresgruppen Nord und Süd zu bilden, die innerhalb weni­ger Tage die polnischen Ar­meen durchstießen, in mehre­re große Kessel aufspalteten und damit den Krieg entschie­den.

Andreas Naumann


[1] So das zehnbändige Werk des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1979-2008.

[2] Stefan SCHEIL, Churchill, Hitler und der Antisemitismus, Duncker & Humblot, Berlin 2008, S. 103, Fußnote Nr. 30.

[3] Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd 5/1, Rolf-Dieter MÜLLER, S. 406.

[4] Ebenda, S. 406.

[5] Ebenda, S. 523.

[6] Gerd SCHULTZE-RHONHOF, 1939. Der Krieg, der viele Väter hatte, Olzog, München 2003, S. 495 ff. u. 532 ff.

[7] Basil LIDDELL HART, Geschichte des Zweiten Weltkrieges, Econ, München 1982.

[8] Hartmut SCHU­STEREIT, Vabanque, Selent, 2000, S. 49 ff.

[9] Ebenda, S. 53.

[10] Ebenda, S. 52.

[11] Stefan SCHEIL, 1940, Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs, Olzog, München 2005, S. 31 ff.

[12] SCHUSTEREIT, aaO. (Anm. 8), S. 17.

[13] Bernhard R. KROENER, Das Reich, Bd. 1, S. 448.

[14] Vgl. das bei MÜLLER-HILLEBRANDT, Heer 1 (S. 407 ff.) ausgebreitete Material, insbesondere die Reaktion auf die Rede HITLERS vom 22. 8. 1939.

[15] Horst ROHDE, Wehrmachttransport­wesen, DVA, Stuttgart 1971, S. 37 ff.

[16] Das Reich, aaO. (Anm. 13), S. 448.

[17] Das Reich, aaO. (Anm. 3), S, 726.

[18] LIDDELL HART, aaO. (Anm. 7), S.#32.

[19] Gesetz vom 16. März 1935 über den Aufbau der Wehrmacht.

[20] Das Reich, aaO. (Anm. 3), S. 728 ff.

[21] Ebenda, S. 732.

[22] SCHUSTERREIT, aaO. (Anm. 8), S. 26 u. 37.

[23] Vgl. Karl-Heinz FRIESER, Blitzkrieg-Legende, Olden­bourg, München 1995, S. 44-65, wo deutlich die franzö­sische Panzerüber­legenheit sowohl in Anzahl als auch in Qualität aufgezeigt wird.

[24] BA MA, RW 19/204, Bl.21.

[25] BA-MA, RW 19/205, Bl.135.

[26] SCHULTZE­-RHONHOF, aa0. (Anm. 6), S. 301 ff.

[27] Vgl. dazu Man­fred MESSER-SCHMIDT, Das Reich, aaO. (Anm. 3), S. 623 ff.

[28] Ebenda, S. 308.

[29] Ebenda, S. 332.

[30] So der polnische Außenminister BECK, so seine Botschafter in Berlin, Brüssel, London, Stock­holm, Paris und Washington.

Quelle: Der Große Wendig 4, Nr. 780 (Download)

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