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Aufforderungen zum Krieg

Alliierte Aufforderungen zum Krieg

Dem Deutschen Reich wurde in Versailles 1919 wie in Nürnberg 1945 Planung und Durchführung eines Angriffskrieges von den Alliierten vorgeworfen. Das ist nicht nur unberechtigt, sondern die, die solches den Deutschen unberechtigt vorwerfen, haben mehrfach selbst zu militärischen Auseinandersetzungen gedrängt und Präventivkriege gefordert. Beispiele dafür sind:

1. Im Februar 1900, als die Briten im Burenkrieg beschäftigt waren, machten Frankreich und Rußland dem Deutschen Reich den Vorschlag, »jetzt, wo England engagiert sei, ihm gemeinsam in den Arm zu fallen und seinen Seeverkehr lahmzulegen«. Dieses Ansinnen beschreibt Kaiser WILHELM II. in seinen Erinnerungen[1]

Er fügt hinzu, daß er dieses sofort London mitgeteilt habe, da er fürch­tete, daß Paris und Petersburg in Verfälschung des Vorgangs die Auffor­derung zum Krieg als von Deutschland herrührend nach London mel­den würden. Das trat dann auch wirklich kurz nach der Absage des deutschen Kaisers an seine westlichen und östlichen Nachbarn ein.

2. Im Frühjahr 1901 fragte der britische Kolonialminister Joseph CHAM­BERLAIN in Berlin an, ob Deutschland bereit sei, eine Allianz mit England einzugehen. Als Kaiser WILHELM II. nachfragen ließ, gegen wen eine sol­che Koalition gerichtet sei, »kam aus London die Antwort: Gegen Ruß­land, weil es für Indien und Stambul bedrohlich werde«.[2] England wollte also damals die deutsche Armee als seinen Festlandsdegen gegen Ruß­land einsetzen. Es kam dann wegen der Ablehnung des deutschen Kai­sers nicht dazu.

Erst nach langwieri­gen Kämpfen setzten sich die Briten in Südafrika durch. Hier: Buren im Ge­fecht mit britischen Truppen. Die Diplo­matie der Kontinen­talmächte versuchte, aus den vorüberge­henden Schwierigkei­ten Großbritanniens Kapital zu schlagen.

3. Im Jahre 1931 erklärte der polnische Botschafter in Washington, FILIPOWICZ, dem US-Präsidenten HOOVER, daß Polen entschlossen sei, das Reich jetzt anzugreifen.[3] Die Reichskanzler Julius CURTIUS und Jo­seph WIRTH berichteten über solche polnischen Pläne ebenso wie für 1932 BRÜNING in seinen Memoiren.

4. Kurz nach der Machtübernahme HITLERS richtete im Frühjahr 1933 der polnische Staatschef PILSUDSKI an Paris die Aufforderung, mit Polen gemeinsam das Deutsche Reich in einem Angriffskrieg zu überfallen. Dazu wurden am 6. März 1933 völkerrechtswidrig polnische Truppen auf der zur Freien Stadt Danzig gehörenden Westerplatte angelandet und einige Tage später polnische Einheiten im Korridor zusammenge­zogen. Dieser Vorschlag wurde von Warschau im Winter 1933/1934 in Paris wiederholt. Die Verwirklichung scheiterte an Frankreichs Absage.

5. Am 7. März 1936, dem Tag des deutschen Einmarsches ins Rheinland, bemühte sich der neue polnische Staatschef BECK erneut um Frankreichs Mithilfe bei einem Angriffskrieg gegen das Reich. Anschließend reiste er deswegen auch nach London, wo er ebenfalls eine Absage erhielt.

Rolf Kosiek

Joseph CHAMBERLAIN. Nach dem Scheitern der Verhandlungen mit Deutschland setzte er sich für das Zustandekommen der Entente cordiale mit Frankreich ein.

Schon 1898/1899 hatte der britische Kolonialminister Joseph CHAMBERLAIN bei einer Rede in Leicester ein Bündnisangebot unterbreitet, das vom damaligen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes zurückgewiesen worden war (»Die kolonialen Vorteile, die uns England gewähren kann, obwohl nützlich, schlagen doch weniger ins Gewicht als der engere Zusammenschluß, welcher aus einem deutsch-englischen Bündnis wegen Ostasiens und des Nigers notwendig erfolgen müßte.«). Interessant ist, wie der künftige britische Außenminister Lord Edward GREY das Ausschlagen des Bündnisangebots deutscherseits in seinen Memoiren wertete: »Der ganze Gedanke ist durchaus einfach und klar. Großbritannien besaß die größte Flotte der Welt und Deutschland die größte Armee. Die Flotte und die Armee konnten sich gegenseitig nicht bekämpfen, schuf man also zwischen ihnen ein Bündnis, so konnten sie ihre eigenen Interessen schützen und Europa in Ordnung halten. Die Rede [CHAMBERLAINS in Leicester am 30. November 1899] war eine öffentliche Einladung an Deutschland, den Briten gegenüber eine öffentliche Empfehlung dieser Politik. Es war ein großer. kritischer Augenblick, voll der größten Möglichkeiten. . .«


[1] WILHELM Ereignisse und Gestalten 1878—1918,K. F. Köhler, Leipzig 1922, S. 72.

[2] Ebenda, S. 88.

[3] Stefan SCHEIL, Zwei plus Fünf, Duncker u. Hum­blot, Berlin 2004, S. 55.

[3] Siehe Beitrag Nr. 837, »Der Massenmord von Swinemünde«, Bd. 4, S. 509-513.

Quelle: Der Große Wendig 4, Nr. 730 (Download)

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