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Antisemitismus im Kaiserreich?

 Die Nachkriegszeit ist in Deutschland das El Dorado für >terribles simplificateurs<, für >schreckliche Vereinfacher«<, für die HITLER auf einer geraden Linie gelegen habe, die spätestens mit BISMARCK ihren Anfang genommen und über Kaiser WILHELM II. geradewegs in den Ersten und Zweiten Weltkrieg geführt habe. Selbstverständlich wütete nach dieser Theorie auch der Antisemitismus bereits im Kaiserreich. Schlimmer noch: Nach GOLDHAGEN, dessen unwissenschaftliche Ergüsse in Deutschland von Gutmenschen mit Behagen akzeptiert wurden, ist der Antisemitismus in deutschen Genen tief verankert. Demnach liegt es auf der Hand, daß nach dieser verqueren Logik auch Kaiser WILHELM II. ein —zumindest heimlicher — Antisemit gewesen sein muß.

Antisemitismus vor dem Ersten Weltkrieg

In fast allen Ländern Europas verband sich im 19. Jahrhundert der Nationalismus mit einem mehr oder weniger extremen Rassismus, der in Verbindung mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten teilweise auf Fremden-angst (>Xenophobie<) und -haß zurückging — auch in Deutschland.[1] Trotz fehlender empirischer Forschungen versuchten nationalistisch gesinnte Autoren, auf der Grundlage naiver Vorstellungen über Rasse und Vererbung Rassentheorien aufzustellen. Im Jahre 1853 veröffentlichte der Franzose Graf GOBINEAU (1816-82) das vierbändige Buch Über die Ungleichheit der menschlichen Rassen, auf das sich viele spätere Autoren beriefen. Der Engländer Herbert SPENCER (1820-1903) begründete den Sozialdarwinismus.[2]

In den letzten Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg wurden in ganz Europa für alle Krisen und Mißstände, die mit dem industriellen Fortschritt einhergingen, die Juden verantwortlich gemacht. Deutschland befand sich zu dieser Zeit gerade auf einem Höhepunkt der Modernisierung und des Strukturwandels. Mit der Landflucht gingen Verstädterung, Vermassung und Proletarisierung einher. Durch die neue Industrie und eine allgemeine Kommerzialisierung wurden alte Erwerbszweige vernichtet, die neuen blieben angesichts der Wirtschaftskrisen unsicher. In dieser Situation wurden Sündenböcke gesucht und in den Juden gefunden.

Dieser wirtschaftlich begründete Antisemitismus ist in seiner Art nicht neu. Schon in früheren Krisenzeiten hatten Existenzangst und Sozialneid zu Judenverfolgungen geführt. Jetzt aber verband sich der religiös-wirtschaftlich begründete Antisemitismus durch den Einfluß der rassistischen Ideologie mit einem biologistisch-moralischen: Den Juden wurde eine minderwertige Erbsubstanz unterstellt, was ihren unverbesserlich bösartigen Charakter erkläre. Das stereotype Zerrbild vom hinterhälti­gen und parasitären, alles zer­setzenden Juden stieß auf die unkritische Glaubensbereit­schaft der Massen. Haß, Ab­scheu und Angst breiteten sich aus. Als nach den zari­stischen Pogromen viele Ost­juden Rußland verließen und in das Deutsche Reich (!) flo­hen, warnten Antisemiten vor der angeblich drohenden Gefahr einer Überfremdung durch ein internationales Ju­dentum.

»Der Streik«, Gemälde von Robert KOEHLER aus dem Jahr 1886 — als ein Massenaufstand mit 350 000 Arbeitern stattfand. Existenzangst und Sozial­neid gegenüber den zum Teil erfolgrei­chen jüdischen An­kömmlingen gingen miteinander einher.

Wilhelm BUSCHs Verse in seiner »Frommen Helene« aus dem Jahre 1872 sind bekannt: »Und der Jud mit krummer Ferse / Krummer Nas und krummer Hos / Schlängelt sich zur hohen Börse / Tief­verderbt und seelenlos.« Nicht wenige wollen in BUSCH einen Antisemi­ten sehen, was nicht zutrifft. BUSCH hat sämliche Schichten und Erschei­nungsbilder der Wilhelminischen Gesellschaft unbefangen karikiert und Zerrbilder erzeugt. Das gilt auch für die satirische Zeitschrift Simplicissi­mus, die in einer Ausgabe von 1907 ein Judenklischee aufgriff.

Karikatur aus dem Simplicissimus von 1907: »Der Meyer arbeitet mit zu gemeinen Mitteln! Entweder muß er mein Kompagnon werden, oder ich zeige ihn der Staatsanwaltschaft an!«

Antisemitische Zeitschriften

Vor dem Ersten Welt­krieg blieb der extrem rassistische Antisemi­tismus auf kleine, aber sehr aktive Gruppen beschränkt. Von GOM­NEAU und MARR ange­regt, veröffentlichte Otto VON GLOGAU in der berühmten Zeit­schrift Die Gartenlaube eine antisemitische Artikelserie, in der er die wirtschaftlichen Krisen des Mittelstandes auf jüdisch gelenkte Finanzspekulationen zurückführte. Der deutschen Industrie- und Agrarwirtschaft, die »wirklich« arbeiteten und produzierten, stünde das ausbeutende, unproduktive »jüdische Finanzkapital« gegenüber, das in verschwörerischer Weise die Weltherrschaft anstrebe. Auch andere Zeitungen, wie die konservative Kreuzzeitung oder die Berliner Zentrumszeitung Germania, beteiligten sich zeitweise an dieser antisemitischen Polemik. Dabei stimmten sie auffällig in drei Punkten überein:

  • Die Juden seien Urheber und Nutznießer eines Ausbeuter-Kapitalismus.
  • Der internationale marxistische Sozialismus der Juden sei national-sozialische Bewegungen gerichtet.
  • Die jüdische Weltverschwörung richte sich gegen nationale Interessen und plane die Vernichtung der arischen Rasse.
Zwei einflußreiche Antisemiten, von oben: Adolf STOECKER, der die >Christlich-soziale Partei< grün­dete, und Georg VON SCHÖNERER.

Einer dieser Sektierer war der wegen Unterschlagung von Schulgeldern 1890 aus dem Dienst entlassene Volksschuldirektor Hermann AHLWARDT. Ohne organisatorischen und finanziellen Rückhalt reiste er von Ort zu Ort und hetzte die Bauern gegen »Juden und Junker« auf, die er »Parasiten«, »Raubtiere« und »Cholerabazillen« nannte. Um MARKS These von der jüdischen Gefahr zu belegen, veröffentlichte er die scheinwissenschaftliche Dokumentation Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum (1890) .

1887 veröffentlichte der Volkskundler BOECKEL eine Schrift mit dem Titel Die Juden, die Könige unserer Zeit, von der 1,5 Millionen Exemplare verkauft wurden. Als Reichstagsabgeordneter gab er die Zeitung Reichsherold heraus, in der er eine klare Trennung zwischen deutschen Herren und jüdischen Gästen forderte. Den konservativen Antisemitismus, der eine Assimilierung (Angleichung) der Juden forderte, lehnte BOECKEL ab.

In Leipzig entwickelte sich zur gleichen Zeit der Hammer-Verlag mit der Zeitschrift Hammer zum Zentrum des rassistischen Antisemitismus. Eigentümer des Verlages und Autor war der bis in die NS-Zeit wirkende Theodor FRITSCH, der Verfasser des berüchtigten Antisemiten-Katechismus (1887).

Nach 1879 wurden auch ausgesprochen antisemitistische Parteien und Vereinigungen gegründet, die die Judenfrage als das nationale Problem in den Mittelpunkt ihrer Politik stellten und Mitglieder aus allen Schichten und Richtungen aufzunehmen suchten.

Wahlplakat der >Deutsch-sozialen Antisemiten<.

Im Jahre 1879 gründete der bereits erwähnte Wilhelm MARK den >Bund der Antisemiten<, 1880 entstanden die >Soziale Reichspartei< und die >Deutsche Reformpartei<, 1881 der >Deutsche Volksverein<. Dazu kam noch die von Theodor FRITSCH mitbegründete >Deutsche antisemitische Vereinigung<, die erstmals antijüdische Sondergesetze forderte. Bei den Reichstagswahlen von 1890 warben zwei neue Parteien um die Gunst der Wähler. Die 1889 gegründete >Deutsch-soziale Partei< konnte einen Abgeordneten in den Reichstag entsenden, BOECKELS >Antisemitische Volkspartei< (gegr. 1890) sogar vier. Bei der nächsten Wahl (1893) erreichten die Antisemiten mit Hilfe von 400 000 Wählerstimmen sogar 16 Abgeordnetensitze. An der Gesamtzahl von 397 gemessen, handelte es sich aber immer noch um eine kleine Minderheit von etwa vier Prozent, die auf die Unterstützung durch andere Parteien angewiesen war. Das zeigte sich 1895, als ihr Antrag, die Reichsgrenzen für jüdische Einwanderer zu sperren, mit 167 zu 51 Stimmen abgelehnt wurde.

Die Antisemiten im Reichstag arbeiteten auf eine Ausweisung der Juden hin. Hier zeigt die Zeichnung die erhoffte Ausweisung durch Kaiser FRIEDERICH 1888. Mit wachsendem Wohlstand ging der Antisemitismus stark zurück.

Das Kaiserreich Wilhelms II. — für Juden das >Gelobte Land<

In den folgenden Jahren verlor der Antisemitismus wieder an Boden; bei der Reichstagswahl von 1912 konnte er nur noch sieben Sitze erringen. Überhaupt muß gerechterweise festgestellt werden, daß das Deutsche Reich keineswegs, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg behauptet wurde, immer das »Weltzentrum des Antisemitismus« war. Im Gegenteil, bis 1930 war Deutschland für solche Juden das >Gelobte Land<, die vor den ständigen Pogromen in Osteuropa flüchten mußten — nicht etwa Frankreich und schon gar nicht Großbritannien, wo 1905 ein gegen Juden gerichtetes Ausländergesetz (»Aliens Act«) erlassen wurde. Nirgendwo in Europa haben zu jener Zeit Juden solche beruflichen Chancen gehabt wie im Deutschen Reich.

Gerson BLEICHRÖDER.

Der Gründer des Zweiten Deutschen Reichs, Otto von BISMARCK, pfleg­te Geschäftsbeziehungen mit Gerson BLEICHRÖDER, einem gläubigen Ju­den und Inhaber eines Berliner Bankhauses, der später in den Adelsstand erhoben wurde. Auch Kaiser WILHELM II. bediente sich jüdischer Bera­ter. Zu diesen gehörte Walther RATHENAU, der Mitbegründer der AEG und spätere Außenminister der Weimarer Republik. Hier muß auch der jüdische Jurist und Parlamentarier Eduard SIMSON genannt werden, dem Kaiser FRIEDRICH III. 1888 (Drei-Kaiser-Jahr) den Adelstitel verliehen hatte. Mit 24 Jahren war er zum ordentlichen Professor der Rechtswis­senschaft in Königsberg ernannt worden. Etwa gleichzeitig war er Mit­glied des obersten Gerichtshofes der Provinz Preußen.

»Der 70. Geburtstag des Kommerzienrats Valentin Manhei­mer«, Gemälde des offiziellen Malers An­ton VON WERNER 1887. Der angesehene und erfolgreiche Berliner Damenkonfektionär gehörte zu der Grup­pe, die eine gelunge­ne Emanzipation der Juden im Kaiserreich verkörperte.

Nahum GOLDMANNS schrieb zu diesem Thema:[3] »Die Geschichte der Juden in Deutschland von 1870 bis 1930 — das ist wohl der glänzendste Aufstieg, der einem Zweig des jüdischen Volkes geglückt ist.« Hier habe es nicht jene »vulgären Formen« des Antisemitismus gegeben, »wie sie in Amerika mit für Juden gesperrten Wohngegenden, Mietshäusern und Hotels einmal gang und gäbe waren«.

Der >Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens<, der 1916 neben 70 000 unmittelbaren Mitgliedern weitere 200 000 Mitglieder in angegliederten Verbänden zählte und somit die Hälfte der deutschen Bevölkerung jüdischen Glaubens umfaßte, erließ beim Kriegsbeginn, im September 1914, folgenden Ausruf:

»Deutschland ist zu den Waffen gerufen worden. Was wir lange kommen sahen und was kommen mußte, ist eingetroffen; die niedrigsten Instinkte der Menschheit, Habsucht und Neid, haben Deutschlands Gegner zur Herausforderung veranlaßt. … Über die deutschen Juden und den Krieg sprechen, erübrigt sich für den, der die Verhältnisse einigermaßen kennt. Die deutschen Juden waren und sind deutsch bis auf die Knochen. Sie sind im Laufe der Geschichte ein unlösbarer Bestandteil des deutschen Volkes geworden. Daß sie alles für ihr Vaterland, für ihre Heimaterde, für die Kultur, in der sie geboren und erzogen sind, einsetzen werden, ist selbstverständlich. Daß sie mit Gut und Blut bis zum letzten Mann für die Ehre und das Wohl der Gesamtheit eintreten müssen, ist zu klar, um es zu betonen.

Der Krieg hat den Juden die Freude gemacht, daß aus kaiserlichem Munde Parteien und Konfessionen im öffentlichen Leben als abgetan erklärt worden sind. Das kaiserliche Wort: >Ich kenne nur noch Deutsche< soll für uns Juden ein Panier sein! Besondere Begeisterung führte uns Juden ins Feld: die unmenschliche Behandlung der Juden in Rußland gibt dem Kampf gegen das russische Moskowitertum für die Juden eine besondere Bedeutung. Indem Frankreich und England sich mit einem solchen Staate verbündeten, ihn zu fördern suchten, haben sie sich derselben Unkultur schuldig gemacht. Und wenn wir als Deutsche schon an sich mit Begeisterung zu den Waffen gegriffen haben, so haben wir es als deutsche Juden noch um so lieber getan, als ein Kampf gegen Barbarei und Unkultur mit diesem Kriege verbunden ist. Und Gott wird mit unseren deutschen Fahnen sein, weil sie einem Heere voranschweben, das einig und kräftig ist in sich, tapfer und gottesfürchtig, getragen von der Liebe der Zurückgebliebenen und von der Güte und Wahrheit der Sache, welche es vertritt!«[4]

Es ist kaum vorstellbar, daß die Juden Frankreichs, wo ab 1890 ein heftiger, weitverbreiteter Antisemitismus herrschte (siehe unter anderem die >DREYFUSSs-Affäre<), einen ähnlich leidenschaftlichen Aufruf erlassen hätten.

Andererseits ist nicht zu bestreiten, daß herausragende jüdische Politiker und Intellektuelle vor und nach dem Ersten Weltkrieg zum Sozialismus neigten und viele Zionisten zugleich Kommunisten waren. Die Unterstützung linken Gedankenguts durch zahlreiche jüdische Politiker und Intellektuelle war nicht einfach eine spätere Erfindung der Nationalsozialisten,[5] sondern eine Tatsache, und viele jüdische Politiker waren außerordentlich aktiv. Von 1893 bis 1914 waren im Deutschen Reich 1500 Juden auf unteren Ebenen der Politik aktiv und 400 auf der oberen, so zum Beispiel Eduard BERNSTEIN und Rosa LUXEMBURG. Von 400 Juden, die von 1867 bis 1914 in der Reichspolitik tätig waren, arbeiteten 31 Prozent als Herausgeber, Autoren, Journalisten oder Propagandisten für die SPD. Die herausragende Rolle der Juden in den Revolutionen von 1917/ 18 ist bekannt und war eine sehr wichtige Ursache für den Antisemitismus der Nachkriegsjahre.[6] Hans Meiser


[1] In Westeuropa erhalten die Juden im 19. Jahrhundert volle politische Gleichberechti­gung.

[2] Herbert SPENCER, 1820-1903, engli­scher Philosoph und Soziologe.

[3] Nahum GOLD­MANN, Die Geschichte der Juden in Deutsch­land, 1980.

[4] Abgedruckt in: Erich KERN (Hg.), Verheimlichte Doku­mente, Bd. 1, Mün­chen 1999, S. 20.

[5] Siehe S. GORDON, Hitler, Germans and the Jewish Question, Princeton University Press 1964.

[6] Alexander SOLSCHENIZYN, Die Juden in der Sowjetunion, Herbig, München 2004

[3] Siehe Beitrag Nr. 837, »Der Massenmord von Swinemünde«, Bd. 4, S. 509-513.

Quelle: Der Große Wendig 4, Nr. 732 (Download)

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