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… ab 1919

Vertreibung aus Elsaß-Lothringen ab 1919

Bei dem Wort >Vertreibung< denkt man meist an die der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten und als Vertreiber an die kommunistischen osteuropäischen Regierungen. Die wenigsten Zeit­genossen wissen, daß schon nach dem Ersten Weltkrieg Hunderttausen­de Deutscher vertrieben wurden — nicht nur im Osten, sondern auch im Westen, dessen Staaten sich den WILSONschen Vierzehn Punkten und damit dem Selbstbestimmungsrecht verpflichtet hatten, die solches untersagten. Das geschah auch bereits zu einer Zeit, als noch niemand an HITLER dachte, dessen Politik den Vertreibern im Osten nach 1945 als Entschuldigung diente. Insbesondere traf dieses Vertreibungsschicksal das früher ziemlich rein deutsche Reichsland Elsaß-Lothringen.

Diese Landschaft zwischen den Vogesen und dem Rhein war nach dem Abzug der Römer in der germanischen Völkerwanderung im Elsaß vorwiegend von den Alemannen, in Lothringen von den Franken besie­delt worden. Die deutsch-französische Sprachgrenze im Westen des Lan­des lag praktisch seit dem Entstehen der beiden Sprachen im achten Jahr­hundert bis zum zwanzigsten Jahrhundert fest. Politisch gehörte das Gebiet seit dem Vertrag von Mersen 870 zum fränkischen (deutschen) Ostreich und später zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. In einer Zeit der Ohnmacht des Reiches begannen Kardinal RICHELIEU und der französische König LUDWIG XIV. im Dreißigjährigen Krieg des 17. Jahr­hunderts, immer größere Teile der westrheinischen deutschen Länder in Raubkriegen zu besetzen. Metz, Toul und Verdun kamen 1648 endgültig zu Frankreich. Nach der Besetzung größerer Teile des Elsaß in den fol­genden Jahrzehnten wurde 1681 mitten im Frieden Straßburg von LUD­WIG XIV. angegriffen, besetzt und annektiert. Der Rest Lothringens kam 1766 nach dem Aussterben der lothringischen Herzöge an Frankreich.

Doch Sprache, Brauchtum und Volksart blieben weitgehend deutsch, mit Ausnahme in kleinen gehobenen Schichten des Bürgertums, die sich insbesondere nach der Französischen Revolution kulturell stärker nach Paris ausrichteten.

1871 kamen das Elsaß und der östliche Teil von Lothringen, letzteres mit kleinen mehrheitlich französischsprachigen Bevölkerungsteilen im Westen um Metz, wieder an das Deutsche Reich. Bei der Grenzziehung hatte man sich im allgemeinen nach der Sprachgrenze gerichtet, nur in einigen wenigen Fällen hatten strategische Forderungen den Ausschlag gegeben. Amtssprache wurde wieder das allgemein gesprochene Deut­sche, wobei in den mehrheitlich französischen Gegenden auch das Fran­zösische in Ämtern und Schulen galt. Bei der Volkszählung von 1900 ergaben sich im neuen >Reichsland Elsaß-Lothringen< 1 492 347 Einwoh­ner mit deutscher Muttersprache, das waren 86,8 Prozent, und 198 318 Französischsprechende, 11,5 Prozent der Bewohner. Die Volkszählung von 1910 ergab bei 1 874 000 Einwohnern 87,4 Prozent Deutschspre­chende und 10,9 Prozent mit französischer Muttersprache.

Ende 1918 besetzten nach dem Waffenstillstand und dem Rückzug der deutschen Truppen Franzosen das Reichsland, das am 17. Oktober 1919 amtlich aufgelöst wurde. Nachdem Bestrebungen nach einer Autonomie Elsaß-Lothringens nicht hatten durchgesetzt werden können, wurde das Land von Paris aus verwaltet. Eine scharfe Französisierung mit Verbot der deutschen Sprache und Einführung französischer Schulen in dem fast rein deutschen Lande setzte ein. Am 15. Januar 1920 wurde Französisch als Unterrichtssprache in allen Volksschulen des Landes angeordnet.

Zu den Eingliederungsmaßnahmen gehörte auch die Vertreibung aller Deutschen, die nach 1870 in das neue Reichsland zugezogen waren, und deren Nachkommen. Mehr als 200 000 Menschen mußten auf diese Weise ab 1919 ihre Heimat westlich des Rheins verlassen und kamen vor allem nach Südwestdeutschland. Als auch im Ausland diese völkerrechtswidri­ge Vertreibung auf heftige Kritik stieß und sich US-Präsident Woodrow WILSON in Paris für die Vertriebenen einsetzte, nahm die französische Verwaltung einige Maßnahmen zurück und erlaubte rund 60 000 zunächst Vertriebenen die Rückkehr, so daß schließlich um 140 000 aus Elsaß-Lothringen endgültig vertrieben blieben.

Zwei das Alt-Elsaß kennzeichnende Stadtbilder. Oben: Bürgerhäuser in Schlettstadt an der III, das bereits im 13. Jahrhundert freie Reichsstadt wurde. Unten: Reichenwei­er, Blick durch das Obertor der bekann­ten malerischen Weinortschaft. Beide Abbildungen aus: Bernd G. LÄNGIN, Deutsche Bilder, Augsburg 1990, S. 434 u. 436.

Deutsche Vereinigungen wie der >Heimatbund< oder Parteien wie die >Autonomistische Landespartei für das Elsaß<, die von Dr. Karl P. Roos (1878-1939) mitbegründet wurde, konnten wenig gegen diese Entdeut­schung bewirken. Ihre Vertreter wurden scharf verfolgt — wie Dr. Roos, der zum Bürgermeister von Straßburg gewählt wurde, aber sein Amt nicht antreten konnte, und nach Verurteilung zum Tode durch ein französi­sches Militärgericht am 28. Oktober 1939 in der Nähe von Nancy am 7. Februar 1940 als angeblich deutscher Spion erschossen wurde.

Bildnisbüste von Karl P. Roos. Er widersetzte sich den Pariser Assimilierungsmaßnahmen gegen Elsässer. Seine Verurteilung und Hinrichtung sind als Justizmord anzusehen.

Nach der kurzen Unterbrechung von 1940 bis 1944 während der deut­schen Verwaltung im Zweiten Weltkrieg wurde die Französisierung ab 1945 verschärft fortgesetzt.

Eine weitere Vertreibung in Form einer Evakuierung geschah, als nach dem 1. September 1939 im Rahmen der französischen Kriegsvorberei­tungen aus einer Zone von acht Kilometern entlang des Rheins und der Maginotlinie rund 600 000 Menschen, ganz vorwiegend Deutsche, inner­halb kurzer Zeit mit geringem Gepäck nach Innerfrankreich abtranspor­tiert wurden. Als kurz darauf die Zone noch etwas nach Westen erwei­tert wurde, erlitten noch einmal knapp 60 000 Menschen den Verlust ihrer Heimat. Nach dem deutsch-französischen Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 konnten die Evakuierten in ihre Heimat zurückkehren. Viele fan­den dann ihre Häuser von französischen Soldaten geplündert und be­schädigt vor und mußten den weiteren Verlust eines Teils ihrer Habe entgegennehmen.

September 1939: Ein Großteil der Grenzbewohner wird ins Hinterland abgeschoben.

Nach der erneuten Besetzung des Elsaß und Lothringens durch französische Truppen 1944 wurden wieder viele Deutsche verfolgt und vertrieben. Die Assimilierungsmaßnahmen für die deutsche Bevölkerung — ausschließlich französische Presse und Schule — wurden sehr verschärft, so daß nach zwei Generationen nun die deutsche Sprache im Elsaß und in Loth­ringen vom Aussterben bedroht ist. Zum 1. September 1989 hat die letzte deutschsprachi­ge Zeitung Lothringens, das in Metz erschei­nende France Journal, sein Erscheinen einge­stellt. Die 1918 gegründete Zeitung, die vor dem Zweiten Weltkrieg Meter freies Journal hieß, hatte 1945 noch 60 000 Leser, 1989 nur noch rund 5800. Auf der Titelseite der letz­ten Ausgabe teilte die Zeitung ihren Lesern mit, daß sie jahrzehntelang ein Medium für die besser Deutsch als Französisch, sprechende lothringische Bevölkerung gewesen sei. 1918 habe fast jeder Lothringer Deutsch verstanden, aber nur jeder zweite Französisch. Nun könnten nur noch sechs Prozent der Menschen im Grenzgebiet kein Französisch. Für die vertriebenen Elsaß-Lothringer erscheint die Zeitschrift Der Westen.

Über die Lage der deutschen Sprache in dem vor hundert Jahren fast rein deutschen Elsaß stellte in einem Leserbrief in der Frankfurter Allge­meinen Zeitung (4. 5. 2010) Dr. Otto HORNSCHU, Duisburg, wohl zutref­fend fest: »Heute gibt es nicht mal mehr ein Prozent der Kinder der ersten Vorschulklasse, ja nur noch einige hundert, die Elsässerdeutsch gelernt haben, beziehungsweise noch lernen. Und weniger als vierzig Pro­zent der Erwachsenen sprechen es zwar noch, aber immer weniger gut. Das Elsässerdeutsch ist selbst im engen Familienkreis nicht mehr vor­herrschend und ist fast vollständig vom öffentlichen und offiziellen Le­ben ausgeschlossen.« So stirbt eine Sprache in Mitteleuropa innerhalb eines Jahrhunderts und mit ihr das entsprechende Volkstum — ein Völ­kermord durch Sprachunterdrückung.

Rolf Kosiek

Das Gedicht von STOSKOPF ist abge­druckt in: Bernd G. LANGEN, Deutsche Bil­der, Augsburg 1990, S. 437.

Quelle: Der Große Wendig 4, Nr. 742 (Download)

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