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1935

Antisemitismus in Polen um 1935

Der in Deutschland vor allem während der Zeit der Weimarer Repu­blik durch die versuchte Gründung kommunistischer Räterepubliken und den großen jüdischen Anteil unter den Bolschewisten gewachsene Antisemitismus ist gegenwärtig immer noch ein Hauptthema der Medien und der bundesrepublikanischen Politiker, während der viel grö­ßere in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts in Polen kaum er­wähnt wird.[1] Diese Einseitigkeit verstellt ein sachliches Urteil und ver­langt eine Revision.

Zur Richtigstellung seien einige ausländische Stimmen der damaligen Zeit angeführt.

Die Lage der Juden im Polen der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts war sehr schlecht. So berichtete zum Beispiel die New York Times, eine der größten US-Zeitungen, im Jahre 1931 mehrfach von anti­jüdischen Ausschreitungen. Sie erwähnte, daß in Polen Universitäten und Schulen für Juden geschlossen wurden, und überlieferte auch Tätlichkei­ten gegen sie und Morde an ihnen.

Mitte der dreißiger Jahre nahmen die Übergriffe zu. So stellte die als links bekannte Zeitschrift Nation fest:[2] »In den letzten zwei Jahren erdul­deten die Juden beinahe ständig körperliche Angriffe und Pogrome. … Dieser Ausbruch von antisemitischer Bestialität hat nicht seinesgleichen in Europa, nicht einmal in Nazi-Deutschland, wo — trotz bösartiger Pro­paganda. . . und trotz der grausamen antijüdischen Gesetze des Regimes die Bevölkerung sich durch kein einziges Pogrom beschmutzte.«

In der Wochenzeitschrift Time schrieb 1941 George AXELSON: »In der Öffentlichkeit oder in den Fabriken scheint der deutsche Arbeiter den Juden wie seinesgleichen zu behandeln.«

Axel DREIER hielt nach seiner Ausweisung aus Deutschland Ende des Jahres 1941 fest: »Während meiner ganzen Zeit in Deutschland sah ich nie einen deutschen Zivilisten, der sich an einem Angriff auf einen Ju­den beteiligte.«

Fast ein Jahr nach Kriegsende schrieb ein William ZUCKERMAN:[3] »Der Antisemitismus der Nazis war bei aller Grausamkeit in erster Linie ein politisches Mittel zu einem politischen Zweck. Der Antisemitismus in Polen war pathologisch, es war verrückt gewordener Nationalismus. Die Angriffe auf Juden auf den Straßen, in Parks und öffentlichen Plätzen, das tägliche Verprügeln von jüdischen Studenten und Studentinnen hat im Nazi-Deutschland nicht Ähnliches.«

Nicht von ungefähr wanderten auch 1938 noch viele Juden aus Polen in das Deutsche Reich aus. Besonders im Herbst 1938 weigerten sich Tausende von Juden, die vor den Verfolgungen in unserem östlichen Nachbarstaat nach Deutschland gekommen waren, wieder nach Polen zurückzukehren.

Rolf Kosiek

[Jahre 1935-1937: Diskriminierung jüdischer Studenten an den Universi­täten in Kraft gesetzt]

Im Spätjahr 1935 verlangte die lang regierende Endek, die jüdischen Universitätsstudenten von ihren nichtjüdischen Kollegen zu trennen. Dies wurde in Lwów umgesetzt, gefolgt vom Warschauer Polytechnikum im Oktober 1937, und auch die Universitäten in Vilna, Krakau und Posen setzten diese Maßnahme um.

[Ab dem Frühjahr 1935: Boykotte und Pogrome gegen Juden mit Stei­nen, Feuer und vielen Morden]

Die Boykotte, die im Frühjahr 1935 begannen, breiteten sich in Polen in allen ländlichen Regionen aus. Es folgten dann Pogrome- Einwerfen von Fensterscheiben, das Umkippen von jüdischen Marktständen, Schläge, Brandstiftung, und schließlich auch Morde. Die Einzelheiten dieser schrecklichen Brutalitäten wiederholten sich immer wieder.

Im Jahr 1935 fanden Pogrome statt: im April in Radomsko, im Mai in Radosc (bei Warschau) und in Grochow sowie in Grodno. Im Dezember [1935] begannen diese einzelnen Ereignisse in Kampagnen schlimmer zu werden: Es kam zu Unruhen in Klwow, in Lodz, Katowice, Kielce und Hrubieszow, und im Januar 1936 folgten Angriffe auf Juden u.a. in Krakau und Warschau.

Am 9. März 1936 fand in Przytyk ein schreckliches Pogrom statt, wo zwei Juden getötet und viele Häuser gebrandschatzt wurden: In densel­ben Monaten wurden in 13 weiteren Städten Bomben geworfen, mitein­geschlossen Minsk Mazowiecki; dort ereignete sich in den ersten Juni-Tagen ein zweites Pogrom, und nachdem vier Juden getötet worden waren, verließen die meisten Juden die Stadt und gingen nach Warschau.

Während des Jahres 1936 und im Frühjahr 1937 wurden die Pogrome in Polen zum täglichen Ereignis, und alles wies darauf hin, daß sie besser organisiert waren. In Tschenstochau fingen die Ausschreitungen im Juni 1937 an (S. 183) mit einem Kampf zwischen zwei Gepäckträgern; es folgte eine gut organisierte Boykottbewegung gegen die jüdische Bevöl­kerung, die die Unruhen über Monate hinweg verlängerte. Kahn stellte »eine sorgfältige Planung der Aktivitäten der antisemitischen Elemente fest, bei denen hohe Regierungsvertreter teilhatten«. Im Ver­lauf des Pogroms in Tschenstochau gab die Endek-Zeitung Ganiec Czestochowski eine Liste von Straßen heraus, wo Juden noch nicht beraubt worden waren. …

Auszug aus:
Yehuda BAUER, Der Hüter meines Bruders. Eine Geschichte des Amerikanischen Jüdischen Vereinigten Verteilungskomitees 1929-1939
aus: My Brother’s Keeper. A History of the American Jewish Joint Distribution Committee 1929-1939; The Jewish Publication Society of America. Philadelphia 1974.

[1] Siehe Beitrag Nr. 128, »Judenpogro­me im Polen der Zwischenkriegs­zeit«, Bd. 1, S. 537­540; Nr. 129, »Zur Lage der Juden in Polen vor 1942«, Bd. 1, S. 541 f.

[2] Nation, 2. 4. 1938.

[3] William ZUCKERMAN, in: New Masses, 19. 2. 1946.

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