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Georg Elser — ein Held oder ein Mörder?

Am Abend des 8. November 1939 zündete die von dem 36jährigen Tischler Johann Georg ELSER, geboren am 4. Januar 1903 in Hermaringen, im Münchener Bürgerbräukeller in 35 Nächten in einen Pfeiler eingebaute Bombe. Damit wollte ELSER HITLER in der traditionellen Gedenkversammlung der >Alten Kämpfer< zum 9. November töten. Doch dieser hatte kurz vorher den Versammlungsraum verlassen, da er mit der Bahn statt mit einem Flugzeug nach Berlin wegen ausländischer Gäste zurückreisen wollte. Deswegen ging er früher als geplant — 13 Minuten vor der Explosion — aus dem Saal. Als sich die Versammlung schon auflöste, wurden um 21 Uhr 20 durch die Bombe von den 160 Teilnehmern acht unschuldige Menschen getötet und 63 verletzt.[1],[2]

Gedenkstein mit be­schrifteter Metallta­fel in Heidenheim.

Den Tod dieser Unbeteiligten hatte ELSER in Kauf genommen. Es hätten auch sehr viel mehr Opfer sein können. Er wurde am selben Tag um 20 Uhr 45 — vor der Explosion der Bombe — beim illegalen Grenzübertritt in die Schweiz verhaftet und gestand dann, als man nach Tagen auf ihn als Täter von München kam, allein die Tat geplant und in vielen Arbeitsstunden vorbereitet zu haben. Er kam ins KL Sachsenhausen und Ende 1944 ins KL Dachau in den Bau für Bevorzugte, wo er unter anderen Vergünstigungen eine Tischlerwerkstatt eingerichtet bekam und auf seiner Zither spielen konnte. Am 9. April 1945, kurz vor Ankunft der Amerikaner, soll er von dem SS-Oberscharführer Theodor BONGARTZ erschossen worden sein.

Elser-Briefmarke.

Ist nun ELSER wegen des Attentats ein >Held< und >verdienter Widerständler<, wie er als solcher neuerdings gefeiert wird? Im Ortsteil Schnaitheim der Stadt Heidenheim an der Brenz, woher er stammt, wurde zu ELSERS 50. Todestag ein Gedenkstein mit beschrifteter Metalltafel aufgestellt, die auch ein Relief des Attentäters enthält. Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin TEUFEL war sich nicht zu schade, zu diesem Anlaß zu erklären, daß ELSER »vorbildlichen Widerstand geleistet« habe, was wohl nicht nur bei den Hinterbliebenen der Todesopfer auf Verständnislosigkeit stieß.[3] In Königsbronn bei Heidenheim wurde eine Elser-Gedenkstätte eingerichtet und die Schule nach ihm benannt. In Berlin wurde ein Denkmal für ihn errichtet, und in München wurde ein Platz nach ihm in Georg-ELSER-Platz umbenannt in einer Zeit, in der andere nach ehrenwerten Personen benannte Straßen neue Namen bekommen, wenn jene nur Mitglieder der NSDAP waren. Ebenso wurde in München an einer Schulbaufassade eine Installation von Neon-Röhren angebracht, die täglich um 21 Uhr 20, und damit zu der Zeit, an der die Bombe explodierte, für eine Minute lang aufleuchten — nicht zum Gedenken an die acht Ermordeten, sondern zu Ehren ELSERs. Zum 70. Jahrestag seiner Tat wurde er vielfach geehrt.[4] Es gibt einen Georg-Elser-Arbeits­kreis, eine nach ihm benannte Forschungsstätte. Zum 100. Geburtstag gab die Deutsche Post eine Briefmarke heraus.[5]

Links: ELSER-Gedenk­stätte in Königs­bronn in der Nähe des Bahnhofs, von wo ELSER nach Mün­chen fuhr. Rechts: ELSER-Gedenkstätte in Konstanz, wo ELSERS Flucht endete.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ELSER zunächst allerdings anders >verwendet<. Die Süddeutsche Zeitung brachte im Februar 1946 unter der Schlagzeile »Das Attentat im Bürgerbräukeller aufgeklärt« einen Bericht über ELSER. Danach habe der frühere Angehörige des kommunistischen >Roten Frontkämpferbundes< eine führende Stellung in der SA gehabt. »Eines Tages trat die SS an ihn heran, er solle im Auftrag des Führers eine große Tat für Deutschland durchführen. Ein Attentat auf HITLER sollte inszeniert werden, um im deutschen Volk eine Kriegsstimmung gegen England hervorzurufen.« Als eine Begründung wurde angeführt, daß ELSER unter anderem im KL Sachsenhausen und im KI. Dachau bevorzugt behandelt worden sei, indem er dort drei Zimmer bewohnte, gute Verpflegung hatte und sich eine eigene Werkstatt einrichten durfte.

Ein Bild, das Text, weiß, alt, Restaurant enthält.

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Oben: HITLER während seiner Rede am 8. November 1939, kurz vor der Detonati­on von ELSERS Bombe. Unten: Heinrich HIMMLER bespricht mit Reinhard HEYDRICH, Heinrich MÜLLER, Franz Josef HUBER und Arthur NEBE die ersten Untersuchungsergebnisse.

Von dem dort ebenfalls einsitzenden Pastor Martin NIEMÖLLER wurde berichtet, daß dieser geäußert habe: »In Sachsenhausen und Dachau habe ich in demselben Zellenbau zusammengesessen mit dOben: HITLER während seiner Rede am 8. November 1939, kurz vor der Detonati­on von ELSERS Bombe. Unten: Heinrich HIMMLER bespricht mit Reinhard HEYDRICH, Heinrich MÜLLER, Franz Josef HUBER und Arthur NEBE die ersten Untersuchungsergebnisse.em Mann, der 1939 das Attentat im Bürgerbräukeller auf HITLERS persönlichen Befehl durchzuführen hatte: dem SS-Unterscharführer Georg ELSER.«4 Der vor­getäuschte Anschlag sollte dazu dienen »der breiten Masse den Glauben an die Wirksam­keit der so oft propagierten Vorsehung zu vertiefen«.

Diese Aussage der Umerziehung vom NS-Täter ELSER wurde dann allmählich abgeän­dert — etwa von Hans GISEVIUS,6 der sich auf persönliche Informationen des Reichskriminaldirektors Arthur NEBE berief, wonach die Kriminalpolizei, die auf HITLERS Anordnung den Fall untersuchte — nicht die Gestapo —, schnell die Beweise für ELSERS Alleintäter­schaft fand.

1950 fand in München ein Ermittlungs­verfahren statt, in dem die Generalstaatsan­waltschaft schließlich feststellte, daß »nun hinreichend gesichert« sei, daß ELSER ein Einzeltäter war.

Doch noch 1965 sagte in einer Panorama-Sendung der frühere SS-Unterscharführer Walter USSLEPP vom Wachpersonal aus: »Er (ELSER, R. K.) erzählte mir, daß er im Auftrag HITLERS und HIMMLERs dieses Attentat ausgeführt hat.«[6]

Im Jahre 1969 wies der Archivleiter des Instituts für Zeitgeschichte in München, Anton HOCH, in einem Aufsatz darauf hin, daß ELSER »um die verdiente Anerkennung seiner Tat, ja bis heute um jeden Nachruhm ge­bracht worden sei«.4 Lothar GRUCHMANN fand im selben Jahr die Proto­kolle der Vernehmungen ELSERS von 1939. Das Ergebnis wurde in Hans GOTTSCHALKS Dokumentarspiel Der Attentäter vom Süddeutschen Rundfunk im November 1969 gebracht. Als noch 1984 auf dem Kongreß der >Ge­denkstätte Deutscher Widerstand< ELSER kein besonderer Beitrag gewid­met worden war, stellte Bundeskanzler Helmut Kolli, ihn bei der Gedenkfeier am 20. Juli 1984 im Berliner Ehrenhof heraus. Und seitdem gilt er als vorbildlicher Widerständler, dem Gedenktafeln und -stätten —etwa in Königsbronn mit einer Dauerausstellung — gewidmet werden und nach dem bereits in mehr als 35 Städten Straßen und Plätze benannt worden sind. Zum 50. Jah­restag des Attentats drehte 1989 Klaus Maria BRANDAUER den Spielfilm Einer aus Deutschland über ELSER.

Ein Bild, das Text, draußen, schwarz, alt enthält.

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Das nicht unumstrittene ELSER-Denkmal von Silke WAGNER in München. Die Komposition bildet den Schriftzug »8. November« in runder Form.

Zum Jahrestag 1999 übte der Zeitgeschichtler Lothar FRITZE in der Frankfurter Rundschau Kritik an ELSER und wies auf die unschuldigen Opfer und ELSERs mangelnde Sorgfaltspflicht hin, was er in einem erweiterten Beitrag im Jahrbuch Ex­tremismus und Demokratie näher ausführte.4 Er bestritt ELSER das Recht auf Tyrannenmord.5,6 Deswegen wurde FRITZE arg gescholten. Die frü­here Vorsitzende des Bundesverfassungsgerichts, Jutta LIMBACH, setzte sich 2003 für ELSER und die Berechtigung seiner Tat ein.

Heute wird ELSER allgemein als Held und Wi­derständler gefeiert. Nach den acht Unschuldi­gen, die von ihm ermordet wurden, fragt man nicht mehr. Wenn die Versammlung nicht schon in der Auflösung nach HITLERS Weggang gewe­sen wäere, hätte es wohl mehr Tote gegeben. Daß ELSER zudem Kommunist und seit 1928 Mitglied des >Roten Frontkämpferbundes< war, wird heute gern unterdrückt und nicht berücksichtigt.[7]

In diesem Zusammenhang ist interessant, was Joachim FEST in der Einleitung zu seiner HITLER-Biographie schreibt: »Wenn HITLER Ende 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, würden nur wenige zö­gern, ihn einen der größten Staatsmänner der Deutschen, vielleicht den Vollender ihrer Geschichte, zu nennen.«[8] Und Sebastian HAFFNER weist auf dieses Zitat hin.[9]

Rolf Kosiek


[1] Siehe Artikel Nr. 121, »Attentat im Bürgerbräukeller 1939«, Bd. 1, S. 511 f.

[2] Siehe u. a. H. ORTNER, Der Einzelgänger, 1989; L. GRUCHMANN (Hg.), Johann Georg Elser, 1989; Beitrag Nr. 121, »Attentat im Bürgerbräukeller 1939«, Bd. 1, S. 511 f.

[3] dpa, »Hitler-Attentäter geehrt«, in: Haller Tagblatt, 8. 4. 1995.

[4] Rainer BLASIUS, »Die Geschichte eines schwierigen Helden«, Frankfurter Allge­meine Zeitung, 6. 11. 2009.

[5] Berthold SEEWALD, »Elser, ein deutscher Held«, in: Die Welt, 6. 11. 2009, S. 23.

[6] Hans GISEVIUS, Bis zum bitteren Ende, Fretz & Wasmuth, Zürich 1946, Bd. 2, S. 172 u. 184-191; ders., Adolf Hitler, Bertelsmann, Gütersloh o.J., S. 458-461.

[7] Siehe Lothar FRITZE, Legitimer Widerstand. Der Fall Elser, Berliner Wissenschafts­verlag, Berlin 2009

[8] Joachim C. FEST, Hitler, Ullstein, Frankfurt/M.—Berlin 1987, S. 25.

[9] Sebastian HAFFNER, Anmerkungen zu Hitler, Deutscher Bücherbund, Stuttgart — ­Hamburg—München o. J., S. 54.

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