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Wirtschaftsgemeinschaft

Frühe Pläne für eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft

Die Einigung Europas und Pläne für eine gemeinsame Wirtschaftspolitik begannen für die meisten Zeitgenossen erst in der Nachkriegszeit nach 1945. In Wirklichkeit haben sie jedoch Jahrzehnte ältere Wurzeln und gingen vor allem von Deutschland aus. Schon Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, verstärkt in der folgenden Zeit bis in den Zweiten Weltkrieg, wurde eine >Europäische Wirtschaftsunion< mit >Großraumwirtschaft<, insbesondere von der Reichsregierung, angestrebt und gefördert.

Wolfgang DAITZ.

Schon seit 1916 hatte sich der Wirtschaftsfachmann Werner DAITZ[1] für eine blockadefreie Wirtschaft auf europäischer Grundlage eingesetzt. Mitten im Ersten Weltkrieg schrieb er bereits: »Die Organisation des mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes hat begonnen.«[2] Daraus entwickelte er dann die Ideen der Europäischen Großraumwirtschaft. In den folgenden Jahren vertiefte er diese Gedanken, auch unter Wiederanknüpfung an die erfolgreiche Großraumwirtschaft der Hanse zwischen 1000 und 1500.[3] Im Jahre 1934 konnte er bereits feststellen: »Eine europäische Wirtschaftsplanung in ganz großem Stil ist möglich und tatsächlich schon in der Bildung begriffen.«[4] Im Oktober 1934 schlug er die Gründung einer >Gesellschaft für europäische Großraumwirtschaft< vor.[5] Im Februar 1941 wurde nach den Vorschlägen von DAITZ in Dresden das >Zentralforschungsinstitut für nationale Wirtschaftsordnung und Großraumwirtschaft< gegründet, das 1943 die zweite Auflage eines Sammelbandes mit seinen gesammelten Vorträgen und Artikeln herausbrachte.

Er erkannte: »Die Völkerfamilie ist also die natürliche und alleinige Bildnerin echter Großräume. … Die Einführung der Völkerfamilie als des übergeordneten Rechtssubjektes über den bisherigen Rechtssubjekten Volk und Staat bedeutet eine völlige Revolutionierung der bisherigen Rechtslehre und insbesondere des Völkerrechts insofern, als die bisher unbegrenzte völkerrechtliche Vertragsfreiheit von Volk und Staat künftighin durch Anerkennung der übergeordneten Rechtshoheit der Völkerfamilie entscheidend eingeengt wird.«[6] Seine revolutionären Gedanken fielen bei der Reichsregierung auf fruchtbaren Boden, und viele seiner Aufsätze erschienen seit Anfang der dreißiger Jahre in Organen der NSDAP. Im Jahre 1942 konnte er feststellen: »Über das Ziel der in der Entstehung begriffenen europäischen Großraumwirtschaft im gemeinsamen Lebensraum der europäischen Völkerfamilie besteht heute keinerlei Unklarheit mehr.«[7]

Die geplante europäische Wirtschaftsgemeinschaft sollte in einer ersten Phase die 1941 von Deutschland besetzten Gebiete umfassen.

Ein anderer auf dem Gebiet moderner, die Staatsgrenzen überschreitender Wirtschafträume führender Fachmann war Professor Dr. Heinrich HUNKE, der Präsident des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller. Auch er setzte sich in Veröffentlichungen[8] und durch Tagungen für diese moderne Ordnung Europas ein. In dem Sammelwerk Europäische Wirtschaftsgemeinschaft[9] beschrieb er einleitend die Entwicklung des Gedankens einer solchen Wirtschaftsordnung. Daß der Reichswirtschaftminister und Reichsbankpräsident Walther FUNK auch einen Beitrag in diesem Sammelwerk hat, beweist die Modernität der damaligen Gedanken und die Unterstützung dieser Ideen durch die Reichsregierung.[10] HUNKE legte seine Ansichten auch unter dem Titel »Europa und das Reich« in der DGC sowie in seinem Artikel »Die zentralen Fragen einer sinnvollen Wirtschaftsordnung« in Band 4 des Handbuchs zur Deutschen Nation dar.8

Heinrich HUNKE.

Insbesondere stellte er die in dem Buch von Lothar GRUCHMANN[11] der Reichsregierung unterstellten Absichten, mit ihrer Großraumpolitik eine >Versklavung Europas< bewirken zu wollen, richtig. Das umfassende Werk Europa und das 3. Reich von Werner NEULEN[12] urteilte schon gerechter über die »ernstzunehmenden Europaplanungen« in Berlin.

Die Idee der >Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft< erzielte mit einem Vortrag HUNKES auf der Breslauer Messe am 22. Mai 1940 den Durchbruch, und »1942 konnte Die Deutsche Volkswirtschaft in drei Heften 29, 33 und 36 die Konstituierung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft mit vielen klangvollen Namen aus ganz Europa feiern«.[13] Beispielhaft sollen zwei Erklärungen von damals führenden deutschen Politikern angeführt werden.

Am 13. März 1943 gab Reichspropagandaminister Joseph GOEBBELS vor der Auslandspresse vier ergänzende Thesen für den Aufbau Europas bekannt. Sie lauteten: »1. Die harten Maßnahmen, zu denen die Kriegsverhältnisse Deutschland in den besetzten Gebieten zwingen, gelten nur für die Kriegsdauer. Das neue Europa soll nicht durch Zwang zusammengehalten, sondern auf dem Weg der Freiwilligkeit erreicht werden. Es darf keine Diktatur gegenüber den einzelnen Ländern Europas geben.

2. Die nationalen Individualitäten sollen nicht ausgelöscht werden.

3. Alle Länder Europas sollen gesammelt werden unter dem Schutz starker Großmächte, damit jede Einmischung von außen ferngehalten bleibe.

4. Kein Land Europas wird gezwungen, ein bestimmtes Regime einzuführen. Wenn Länder in traditioneller Demokratie festhalten wollen, so ist das ihre eigene Angelegenheit.«[14]

HUNKE hat in den Jahren 1941 bis 1943 versucht, den Reichsaußenminister VON RIBBENTROP dazu zu bewegen, »die Zielsetzung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zu einer Europa-Charta erheben zu lassen«.[15] RIBBENTROP habe ihm mitgeteilt, eine Europa-Verfassung liege in der Schublade. In einer Aufzeichnung des Reichsaußenministers vom 21. März 1943 heißt es, daß der Führer, »sobald wir einen bedeutenden militärischen Erfolg zu verzeichnen haben, in ganz konkreter Form den Europäischen Staatenbund proklamieren sollte«.[16] In einer Anlage dazu ist der vorgeschlagene Vertragstext für die Gründung des Europäischen Staatenbundes angegeben, in dem es heißt:

— »Die Glieder des Europäischen Staatenbundes sind souveräne Staaten und garantieren sich gegenseitig ihre Freiheit und politische Unabhängigkeit. Die Gestaltung ihrer innerstaatlichen Verhältnisse bleibt ihrer souveränen Entschließung überlassen.

— Die im >Europ. Staatenbund< vereinten Nationen werden die Interessen Europas nach jeder Richtung gemeinsam wahren und den Europa-Kontinent gegen äußere Feinde verteidigen.

— Die Europäische Wirtschaft wird von den Gliedern des Staatenbundes nach gemeinsamer und einheitlicher Planung gestaltet. Die Zollschranken zwischen ihnen sollen fortschreitend beseitigt werden.«[17]

Das vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller und von der Wirtschafts-Hochschule Berlin herausgegebene Sammelwerk Europäische Wirtschaftsgemeinschaft.

Vor allem in fortschrittlichen Kreisen der SS wurde eine solche Entwicklung befürwortet. Der Ausgang des Krieges machte dann zunächst die deutschen Planungen zunichte. Aber die Gedanken an eine europäische Zusammenarbeit der Wirtschaft waren nicht mehr zu unterdrücken Wenn auch zunächst mit anderer Zielsetzung — der Ausplünderung des Reiches — versehen, griff die Europäischen Gemeinschaft (EG) diese Ideen doch auf, wobei allerdings amerikanische Einflüsse nicht zu vermeiden waren. Durch den Krieg und die erste Nachkriegszeit waren diese beschriebene Entwicklung und die Vorarbeiten zur Einigung Europas und Bildung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft allerdings um viele Jahre verzögert worden. Die Vereinigung der Staaten Europas hatte mit den Verträgen von Maastricht und Lissabon dann auch viele unglückliche Umstände eingebaut, so daß diese Regelungen nicht unterstützenswert erschienen.

Rolf Kosiek


[1] Werner DAITZ, Der Weg zur Volkswirtschaft, Großraumwirtschaft und Großraumpolitik, Meinhold, Dresden 1938, S. 4.

[2] ‚Werner DAITZ, »Zum Umbau der Volks- und Weltwirtschaft«, in: Das freie Wort, Nr. 15/16, November 1916; zitiert in: DAITZ, aa0. (Anm. 1), Teil 1, S. 16.

[3] DAITZ, aaO. (Anm. 1), Teil II, S. 24.

[4] Werner DAITZ, »Kontinentaleuropäische Großraumwirtschaft und der Ostsee-raum«, in: Die deutsche Volkswirtschaft, Nr. 15, 1934; zitiert in: DAITZ, aaO. (Anm. 1), Teil 1, S. 27.

[5] DAITZ, aaO. (Anm. 1), Teil 1, S. 47.

[6] Ebenda, Teil III, S. 25 f.

[7] Ebenda, Teil III, S. 39.

[8] Nachkriegsdarstellungen: Heinrich HUNKE, »Das Reich und Europa I u. II«, in: Deutschland in Geschichte und Gegenwart, Nr. 4,1990, S. 3-11, und Nr. 1,1991, S. 11-18, sowie ders., »Die zentralen Fragen einer sinnvollen Wirtschaftsordnung«, in: Hellmut DIWALD, Handbuch zur Deutschen Nation, Band 4, Hohenrain, Tübingen 1992, S. 405-470.

[9] Verein Berliner Kaufleute und Industrieller und Wirtschafts-Hochschule Ber-lin (Hg.), Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Haude u. Spenersche Verlagsbuchhandlung Max Paschke, Berlin 21943, S. 5-11.

[10] Ebenda, S. 17-41.

[11] Lothar GRUCHMANN, Nationalsozialistische Großraumpolitik. Die Konstruktion einer ‚deutschen Monroe-Doktrin<, 1962.

[12] Werner NEULEN, Europa und das 3. Reich. Einigungsbestrebungen im deutschen Machtbereich 1939-45, Universitas, München 1987.

[13] Heinrich HUNKE, »Europa und das Reich II«, in: Deutschland in Geschichte und Gegenwart, Nr. 1, 1991, S. 12.

[14] Heinrich HUNKE, »Europa und das Reich«, in: Deutschland in Geschichte und Gegenwart, Nr. 4. 1990, S. 9.

[15] Ebenda, S. 10.

[16] Ebenda.

[17] Ebenda, S. 10 f.

Quelle: Der Große Wendig 4, Nr. 761 (Download)

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