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Schwarze Schuld

Weiße Schuld ist ein Hirngespinst


Egon Flaigs „Weltgeschichte der Sklaverei“ neu interpretiert: Sklaverei ist kein spezifisches Phänomen der europäischen Welt

Lothar Karschny

Sklaverei ist die schlimmste Form von Rassismus. Sie steht für die „Weiße Schuld“ gegenüber dem Rest der Welt“, so lautet eine gängige Meinung. Fest steht: In allen Rassismus-Debatten ist Sklaverei im Hinterkopf präsent. Bei näherem Hinsehen erweisen sich jedoch viele Vorstellungen von Sklaverei als falsch. Sklaverei ist keine Folge von Rassismus, sondern sie geht ihm voran. Und: Die Weißen sind nicht die Erfinder, sondern die Überwinder der Sklaverei. Im historischen Maßstab ist die Abschaffung der Sklaverei ihr Verdienst. 

Wer sich näher mit dem Thema Sklaverei beschäftigt, wer etwa die spannende „Weltgeschichte der Sklaverei“ (München 2018) des Rostocker Historikers Egon Flaig zu Rate zieht, kommt zu erstaunlichen Erkenntnissen. Die erste lautet: Sklaverei hat es zu allen Zeiten und fast überall gegeben.

Soweit die Überlieferung reicht, war sie Bestandteil der alten Kulturen in China, Indien, Mesopotamien und Ägypten. Immer waren es Heere von Sklaven, die Pyramiden bauten, Äcker bestellten, nach Gold gruben und auf den Schlachtfeldern verbluteten. Fast alle „große Geschichte“ ist die Geschichte von Sklaven, auch wenn uns nur Herrscher und Heerführer überliefert sind.

Der Islam als langlebigste Sklavenhalter-Gesellschaft

Zunächst war Sklaverei eine Strafe gegen einzelne, die als Schuldige oder Schuldner zu Sklaven herabsanken. Danach traf sie die Stammes-fremden, die wie Tiere gejagt wurden. Sie nicht mehr zu töten, sondern als Sklaven zu nutzen, war ein Zivilisationssprung. Eine Domestikation. Der Viehhaltung folgte der Handel. Die Anerkennung als Menschen war ein später Schritt in der Menschheitsentwicklung. Schon im alten Testament heißt es: „Der Herr sprach zu Mose auf dem Berg Sinai: Die Sklaven, die euch gehören sollen, kauft von den Völkern, die rings um euch wohnen.“ Im Islam erreichte die Sklavenhaltung ein nie zuvor gekanntes Ausmaß. Das Christentum brach mit der jüdisch-islamischen Tradition. Christen durften keine Christen als Sklaven halten. 

Sachsenspiegel verurteilte 1235 Sklaverei generell als Unrecht.

Der europäische Sklavenhandel war das Monopol von Händlern, die ihre „Ware“ aus dem heidnischen Osten bezogen. Opfer der Menschenjagd waren Weiße – später „Slawen“ genannt –, die auf den Märkten des Orients als Arbeiter, Soldaten und Haremsfrauen verkauft wurden. Weiße Kinder waren als Sexsklaven besonders begehrt. Weit verbreitet war die Kastration mit Todesraten bis über 60 Prozent. Das Handelszentrum hierfür lag in Verdun, wo sich die Handelswege schnitten, die über Marseille zu den Abnehmern im Nahen Osten führten. 

Schon früh wurden in Westeuropa Stimmen gegen die Sklaverei laut. Unter christlichem Einfluß war sie seit 650 auf dem Rückzug. Der fränkische Bischof Agobard stritt viele Jahre mit Kaiser Ludwig dem Frommen um den Freikauf von zum Christentum übergetretenen Sklaven, den die jüdischen Händler verweigerten. Seit 845 bekämpften die Franken den Sklavenhandel, im Jahre 922 beschloß die Synode von Koblenz, daß „der Verkauf eines Christen als Mord zu gelten habe“. Der Sachsenspiegel verurteilte 1235 Sklaverei schließlich generell als Unrecht. Sklavenhaltung kam im Norden und Westen Europas praktisch nicht mehr vor. Nur an den islamischen Rändern bestand sie fort.

Die zweite Erkenntnis lautet: Das christliche Europa schaffte die Sklaverei schon vor 1.000 Jahren ab, während sie in Asien und Afrika gewaltige Ausmaße annahm. Flaig spricht von einem Sonderweg, den das nördliche Europa damit beschritt. Der Weg zur Befreiung nahm hier seinen Ausgang.

Ganz anders lagen die Verhältnisse in Afrika und Asien. Staaten beruhten auf gut organisierter Sklaverei, ohne sie hätte es die moslemischen Großreiche nicht gegeben. „Als die Muslime ihr Weltreich eroberten, errichteten sie das größte und langlebigste Sklavenhalter-System der Weltgeschichte“. Doch schon lange vor dem Islam prägte die Sklaverei die soziale Ordnung Afrikas. Stammeskämpfe dienten der Sklavenjagd. Sie waren ökonomische und sportive Aktivität zugleich. Lange bevor die Europäer den Kontinent betraten, bildeten Menschen das wichtigste Handelsgut Afrikas. Im westafrikanischen Königreich Songhay waren um 1600 alle großen Siedlungen von einem Lagersystem von Sklaven-Dörfern umgeben, deren Insassen schonungslos in Plantagen und Goldminen ausgebeutet wurden. Noch 1795 schätzte der Schotte Mungo Park den Sklavenanteil in der Nigerregion auf 75 Prozent. 

Mit der gewaltigen Ausbreitung des Islam vom Senegal bis nach Indonesien erfuhr die afrikanische Sklaverei einen Nachfrageschub ohnegleichen, Afrika sank zur Lieferzone herab, Randstaaten standen vor der Wahl, auf Sklavenjagd zu gehen oder selbst versklavt zu werden. Kilometerlange Karawanen mit bis zu 6.000 Kamelen durchquerten die Sahara und führten Jahr für Jahr Heere „schwarzer Zwangsarbeiter“ in den arabischen Raum. Dort nahmen Eunuchen und Mamlucken hohe Positionen in Verwaltung und Militär ein.

Erkenntnis Nummer drei: Afrika war schon lange vor dem Islam ein Kontinent von Sklavenjägern, Sklavenhaltern und Versklavten. Neuere Schätzungen beziffern die Gesamtzahl der in der Zeit von 600 bis 1850 versklavten Afrikaner auf 53 Millionen. Etwa die gleiche Zahl dürfte den äußerst brutalen Methoden der Sklavenjagd zum Opfer gefallen sein. Das ergibt 100 Millionen Opfer. Alle waren Afrikaner, alle Opfer von Afrikanern. Etwa neun Millionen Afrikaner wurden nach Amerika verschifft. Dieser transatlantische Sklavenhandel hat unser Bild von der Sklaverei geprägt. Er hat eine besondere Geschichte. 

Aus der Sklaverei gerettete Afrikaner vor dem englischen Konsulat in Sansibar 1888: Das christliche Europa schaffte die Sklaverei schon vor etwa 1.000 Jahren ab

Um 1450 beginnen die Portugiesen nach Erkundung der Küsten, mit afrikanischen Stämmen Handel zu treiben. Die schwarzen Häuptlinge waren wählerisch. Im Austausch gegen Gold verlangen sie „wahre Werte“: Sklaven. Die Portugiesen kaufen die Sklaven in Benin und tauschen sie gegen Gold in Ghana. Sie versklaven – wie alle Europäer nach ihnen – nicht selbst. Sie beteiligen sich nur am innerafrikanischen Handel, der, wie Flaig festhält, in jeder Hinsicht von den Afrikanern dominiert wird. Schwarze legen die Konditionen, Güter, Preise und Handelsplätze fest. „Sie bleiben die Herren der Austauschspirale während der gesamten Zeit.“ 

Ab 1520 kaufen die Spanier afrikanische Sklaven für ihre Zuckerplantagen in Südamerika. Sklavenhändler aus dem Mittelmeerraum betreiben nun den Handel über den Atlantik und bringen insgesamt neun Millionen Afrikaner meist unter spanischer und portugiesischer Flagge in die Neue Welt. Schwarzenorganisationen wie die „Nation of Islam“ beklagen heute die Beteiligung jüdischer Händler (mit 100 von 108 Schiffen im Hafen von Newport), vergessen aber, daß die Afrikaner zuvor von Afrikanern versklavt und verkauft wurden. Daß selbst entfernte Verwandte verkauft wurden, offenbart die Eigenheiten afrikanischer Kulturen und ihre Prägung durch Sklaverei. 

Die vierte Erkenntis: Der Verkauf afrikanischer Sklaven war das Geschäft afrikanischer Sklavenjäger und afrikanischer Händler. Ohne sie hätte es die transatlantische Sklaverei nie gegeben. Die Rede von „Weißer Schuld“ trügt. Von den neun Millionen Sklaven in der Neuen Welt kamen bis 1825 etwa 360.000 Sklaven nach Nordamerika. Während sich die schwarze Bevölkerung in Brasilien und der Karibik binnen kurzer Zeit halbierte, stieg sie in den USA bis 1860 auf vier Millionen. Heute liegt sie bei über vierzig Millionen. Hätte sich die Bevölkerung der Sklaven Lateinamerikas genauso entwickelt, würden dort heute knapp einer Milliarde Schwarze leben. 

Erst Kolonialmächte haben Afrika von der Geißel der Sklaverei befreit

Der Anstieg in den USA ist beispiellos. Er zeugt – trotz aller Qualen, die Sklaverei immer bereutet – von den besseren Lebensbedingungen der amerikanischen Sklaven, die meist auf Farmen ihrer Gutsherren lebten. Die Ernährung war im allgemeinen besser als die der Unterschicht europäischer Städte. Nicht selten kümmerten sich die weißen Sklavenhalter aus einem patriarchalischen Herrenethos heraus um das Wohl ihrer Arbeiter. Sklaven gehörten zum Haushalt oder zum Gesinde, oft wuchsen junge Herren und junge Sklaven gemeinsam auf. Der Sklave war nicht der „Fremde“, sondern der vertraute „Knecht“. Damit stellte die Sklaverei in Nordamerika einen Sonderfall dar.  

In Afrika und Asien hingegen erniedrigte die „Herdensklaverei“ den Menschen zum Tier. Das widersprach dem europäischen Menschenbild, welches die Siedler nach Nordamerika mitbrachten. Sie nahmen die Sklaverei auf Dauer nicht hin. Somit waren es Weiße, die zum großen Ärger der schwarzen Stammesfürsten den Sklavenhandel blockierten und zum Erliegen brachten, um schließlich die Sklaverei abzuschaffen. So paradox es scheint: Erst die Kolonialmächte haben die Afrikaner von der Geißel der Sklaverei befreit und „dem starken Rassismus zwischen den afrikanischen Ethnien Einhalt geboten“. Erst die Europäer haben das weltbeherrschende Ungeheuer der Sklaverei besiegt. 

Fast besiegt, muß man leider sagen. Alte afrikanische Traditionen wirken fort. 

Niemand will heute von „Schwarzer Schuld“ sprechen, denn kollektive Schuld gibt es nicht. „Wenn in Europa der Mythos der „Weißen Schuld“ fortlebt und daraus Forderungen für die Gegenwart abgeleitet werden, birgt das Gefahren. Alte Ungleichbehandlung kann in neue umschlagen.Sklaverei ist zwar überwunden, aber auch moralische Überlegenheit kann in einseitige Abhängigkeiten führen.

Egon Flaig: Weltgeschichte der Sklaverei. Verlag C.H. Beck, München 2018, broschiert, 245 Seiten, 14,95 Euro

Quelle: Junge Freiheit April 2022

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