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Trust the Soynce – Wie ein Solarradweg zum Geldgrab wird

Der Lacher der zurückliegenden Woche war eindeutig der Energie erzeugende Fernseher von Maxwell Chikumbutso, dem die Tagesschau und die Deutsche Welle endlich zum Durchbruch verhelfen wollten. Man spürt förmlich, dass die Redakteurin Jana Genth vor Begeisterung kaum an sich halten konnte, als Sie diese Zeilen verfasste. Kostenlose Energie und kabellose Geräte mit eigener Stromversorgung – das klingt nicht nur für Afrika gut. Straßenbeleuchtung, die nicht mehr solar gespeist wird, sondern mit Funkwellen – auch eine Erfindung von Chikumbutso. Sie leuchten schon in Mexiko und Nordamerika.

Rudimentäre MINT-Kentnisse und eine gewisse journalistische Skepsis hätten die Berichterstattung nach kürzester Recherche verhindert, aber beides fehlte neben der Autorin auch den Redakteuren, die den Artikel freigegeben haben. Diese Schote zeigt, dass wir nicht nur bei der Spitzenforschung und Wissenschaft auf dem absteigenden Ast sind, sondern auch beim alltäglichen Technikverständnis. Dass das Problem aber viel tiefer liegt, zeigt das folgende Beispiel aus dem Nordrhein-Westfalen.

Die Straße, die Energie erzeugt

Ein wahres Wunder der Technik ist zweifellos der 90 Meter lange und 2,40 Meter breite Solarradweg, der im Jahre 2019 in Erftstadt-Liblar bei Köln errichtet wurde. Die Idee des Startup-Unternehmens Solmove: Eine bestehende Straße mit einem aufgeklebten „Solarteppich“ zu überziehen, der dann Strom erzeugt. Hergestellt werden die Module aus Glas, Silizium und Kunststoffen, sowie üblichen Elektronikbauteilen. Neben der profanen Stromeinspeisung hat der Gründer Müller-Judex in unterschiedlichen Kontexten folgende weiteren Funktionen und Eigenschaften seines Energiewegs angekündigt:

  • Schallabsorption
  • Zählung der Nutzer
  • Selbstständige Enteisung
  • Induktives Lades von E-Autos
  • Selbstreinigung

Die handelsüblichen Solarmodule werden dabei wie in einem Art gläsernem Sandwich eingelegt und sollen dem Druck eines Lkws stand halten können. Die Fugen zwischen diesen Solarkacheln werden mit einer Füllmasse versiegelt, damit kein Wasser eindringen kann – so jedenfalls die Theorie. Ganz zu schweigen von der bescheidenen Ausbeute, die durch die leicht matte Glasbeschichtung und nicht vorhandene Schrägstellung der Module zu erwarten ist, scheitert dieses Konzept schlichtweg an den Umwelteinflüssen. Hitze, Kälte, mechanische Belastung, Wasser, Steine, Streusalz, Schneeräumer, Vibrationen, natürliche Bewegung des Untergrunds, Risse in der unterliegenden Straße.

Jeder, der nur zwei Minuten darüber nachdenkt, muss eigentlich zum dem Schluss kommen, dass man wohl besser jeden Parkplatz und jede Bushaltestelle in Deutschland mit Solardächern ausstatten sollte, bevor man dies mit Straßen macht. Die offensichtlichste Schwachstelle ist die Fugenabdichtung – seit wann ist Silikon geeignet mechanischen Belastungen Stand zu halten?! Der Solarweg musste einfach scheitern und sieht jetzt, im September 2022, so aus:

Die in Beton gegossene Tristesse von Nordrhein-Westfalen wird jetzt durch einen Solarradweg komplettiert. Der macht zwar nicht das, was er soll – sieht aber immerhin scheiße aus.

Chronik des Scheiterns

Damit es als mahnendes Beispiel der Nachwelt erhalten bleibt, hier die Chronik der Firma Solmove:

  • 2014: Gründung der Firma Solmove, die Mittel kommen aus den Ersparnissen des Gründers Müller-Judex, sowie Freunden und Verwandten.
  • 2016: Solmove gewinnt den Next Economy Award in der Kategorie „Energy“.
  • April 2017: Das Solmove-Produkt wird auf der Hannover Messe im InnoTruck der Bundesregierung ausgestellt.
  • November 2017: Audi stuft das Produkt im Rahmen des „Foresight Netzwerk“ als „hochgradig innovativ“ ein.
  • November 2018: Der Solarradweg wird feierlich von der damaligen Bundesumweltministerin Svenja Schulze eröffnet.
  • März 2019: Einige Solarmodule hauchen ihr Leben bei einem Schwelbrand aus, weil angeblich Plus- und Minuspole zu nah aneinander lagen und es zu Kurzschlüssen durch Feuchtigkeit kam.
    Im Nachgang nimmt die Stadt die Strecke vom Netz und bestellt einen externen Sachverständigen ein. Die Stadt und Solmove einigen sich nach längerem Hin und Her auf einen Vergleich und vereinbaren zugleich Stillschweigen über dessen Inhalt.
    Ebenfalls wird bekannt, dass ein Tiefbau-Unternehmer juristische Schritte gegen Müller-Judex eingeleitet hat, weil er eine Rechnung nicht begleichen möchte
  • Mai 2019: Weiterhin hat Solmove einen Parkplatz in Gelsenkirchen mit einem 15m langen Streifen mit Modulen bestückt, die im Herbst des gleichen Jahres sogleich gewartet werden müssen. Angeblich produziert diese Anlage zumindest bis April 2020 Strom.
  • 2020: Solmove erhält das „Seal of Excellence“ der EU-Kommission im Rahmen der Horizon Initiative.
  • Januar 2020: Auftritt des Gründers in der SWR-Quizshow „Sag die Wahrheit!“.
  • September 2020: Auftritt bei „Höhle der Löwen“, Müller-Judex will 500.000 Euro. In der Sendung sind die „Löwen“ noch sehr angetan und drei von ihnen sagen Müller-Judex einen Deal zu. Hinterher lassen sie den Deal jedoch platzen, Carsten Maschmeyer hat Wind von dem Fehlschlag beim Radweg bekommen.
  • Dezember 2020: Über Solmove wird im Videoblog “Deutschland Tour” von e.on berichtet.
  • Juni 2020: Solmove lanciert eine Crowdinvesting-Kampagne, bei der schließlich 274.000 Euro zusammenkommen, welche für die Weiterentwicklung und zur Erringung von Förderprojekten vom Bund genutzt werden soll. Müller-Judex kleckert nicht und verspricht den Investoren 34% jährliche Rendite.
  • Anfang 2021: Müller-Judex bastelt drei Wochen mit acht (freiwilligen?) Helfern am Radweg herum. Ob er danach funktioniert, ist unbekannt.
  • Juli 2021: Laut Aussage von Müller-Judex wurden die Wechselrichter in den Technikschächten durch die Flutkatastrophe zerstört – ob auch die Strecke selber Schaden genommen hat, wird nicht erwähnt.
  • September 2021: Solmove erhält eine Startup-Förderung der Deutschen Bahn im Rahmen des „mindbox“-Programms.
  • Mai 2022: Müller-Judex meint, dass es die Pflicht der Stadt sei, den Solarradweg zu erhalten und die Kosten für Wartung und Reparatur zu übernehmen. Weiterhin behauptet er, er habe einen Investor aus Österreich gefunden, der eine vergleichbare Anlage mit einem Auftragswert von etwa 50 Millionen Euro plane.
  • September 2022: Der Weg liefert noch immer keine Energie, viele Module sind durch Wassereintritt defekt oder das Glas ist gebrochen. Immerhin ist der Wegabschnitt nicht mehr gesperrt und kann von Fußgängern genutzt werden.

Bei den Zahlreichen Preisen, Ehrungen und Auszeichnungen, mit denen Somove überschüttet wurde, wurden hier nur die bemerkenswertesten aufgeführt.

Prognose: Der Weg ist nicht mehr zu retten, da er aus Prinzip scheitern musste. Er wird in den kommenden Jahren rückgebaut werden und zwar auf Kosten des Steuerzahlers. Solmove wird wohl keine weiteren Projekte mehr bekommen und Insolvenz anmelden. Sollte es weitergehen und das Produkt verbessert werden können, so wird es anstatt drei eben acht Monate halten, niemals aber zur Energiegewinnung beitragen können. Denn die Energie für Herstellung und Wartung wird immer die “geerntete Energie” übertreffen.

Fazit

Bei der ÖRR-Berichterstattung über den „Perpetuum-Mobile-Fernseher“ kann man noch zugute halten, dass dafür wohl nur ein paar Redakteure ohne Fachwissen verantwortlich waren. Die Sache mit dem Solarradweg ist wesentlich erschreckender, weil das Produkt durch unzählige Gremien, Jurys, Investoren, Ministern, Funktionären etc. geprüft worden ist. Schlimmer noch, das Produkt wurde sogar von staatsnahen Einrichtungen mitentwickelt. So gibt Solmove an, sein Produkt in einem Forschungsverbund mit zwei Fraunhofer-Instituten, zwei Universitäten und weiteren Experten entwickelt zu haben. Das „Team-Wissenschaft“, in dem sich die Beteiligten wähnen dürften, hat einen Irrweg beschritten, aber keiner will es wahr haben.

Quelle: Trust the Soynce – Wie ein Solarradweg zum Geldgrab wird – Krautzone (kraut-zone.de)

DANIEL MEYER

Baujahr 1979, war, seitdem er denken kann, ein politischer Mensch, der ohne große Schwankungen in seiner Ausrichtung auskam und sich heute als patriotisch-libertär einordnet. Für einige Jahre hatte er in der FDP eine parteipolitische Behausung, die er jedoch aufgrund der Baufälligkeit der Baracke verlassen musste. Meyer ist Technik-Freak, was ihm in seiner beruflichen Laufbahn zu einer gutbürgerlichen Existenz verhalf. Wenn er nicht arbeitet, ist er zuvörderst Familienvater und betätigt sich gerne sportlich. Grundlage seines Erfolgs muss das Mana sein, welches er aus seiner ethnokulturellen Identität zieht.

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